1. Abiturjahrgang 1916

Abiturjahrgang 1916

Fritz Friedrichs; Friedrich Frye; Karl Hietzschold;

ferner eine Klasse, die die Notreifeprüfung* ablegte:
Hans Altemüller; Wilhelm Dickhuth** (2. von rechts); Rudolf Dreinhöfer; Hermann Engelker; Hellmuth Friedrichs; Wilhelm Goltermann; Heinrich Middelberg; Hans Rißmüller**; Hermann Wiecking; Emil Block; Karl Frank; Paul Grote; Friedrich Hagemann; Johannes Hake; Friedrich Korshenrich; Richard Lewedag; Heinrich Middendorf
Namen aus neue realität 24 / Herbst 1965

** Hans Rißmüller, Dickhuths bester Freund,  war Sohn des damaligen Bürgermeisters, nach dem der Rißmüllerplatz benannt ist. Am 5. Dezember 1917 ist er im Lazarett Prilep in Mazedonien gestorben.

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* Diese Form des Abiturs wurde während des Ersten Weltkrieges durchgeführt, damit möglichst viele Abiturienten eingezogen werden konnten. Viele von diesen wurden als Offiziere verwendet. Und wer sich freiwillig meldete, konnte unter erleichterten Bedingungen die Reifeprüfung ablegen.
Wilhelm Dickhuth rückte sofort nach dem Abitur als Fahnenjunker ein, war 1916/17 in Russisch-Polen, in Mazedonien, Rumänien und 1918 bis Kriegsende in Nordfrankreich als Offizier eingesetzt, im Zweiten Weltkrieg erneut.

 

Abiturjahrgang 1916; das Bild wurde am 6. Juni 1916 aufgenommen. (Foto: N. Böhnke)

 

Engelker, Wieking, Middelberg, Hans Altemüller, Hans Rißmüller, Friedrichs, Dreihöfer, Wilhelm Dickhuth, Goltermann
(Die Namen hat Herr Dr. med. Hans Altemüller am 16. Mai 1969 anlässlich seines Goldenen Abiturs dem EMA überlassen.)

 

 

 

Wilhelm Dickhuth

W. Dickhuth rückte 1916 in die deutsche Armee ein. Seine Feldpostbriefe und seine Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1916 bis 1919 sind nahezu vollständig erhalten. Seine Enkelin Frau N. Böhnke hat diese nun in Buchform unter einem beziehungsreichen Titel herausgegeben:
Nadja Böhnke, „Auf Posten nichts Neues“. (ISBN 978-3964032324)

Ferner hat sie uns freundlicherweise aus dem Archiv ihres Urgroßvaters Prof. Dr. Dickhuth einige Dokumente ihren Großvater betreffend überlassen – vielen Dank dafür!
So liegt nun der Abituraufsatz Deutsch vor sowie ein „Unbescholtenheitszeugnis“, mit dem Wilhelm Dickhuth den einjährigen Militärdienst antreten konnte. (Wehrpflichtige hatten drei Jahre abzuleisten; wer sich aber freiwillig meldete, und das taten gerade aus bürgerlichen Schichten viele, musste nur ein Jahr dienen – man nannte diese „Einjährige“. Sie konnten sich die Einheit aussuchen, und es stand ihnen der Weg zum Reserveoffizier offen. Diese Position war in dem vom Militär geprägten Kaiserreich hoch angesehen. Heinrich Mann lässt seinen „Untertan“ sagen: „Den preußischen Leutnant, den macht uns keiner nach.“)

Hier also der Aufsatz in Transkription, begutachtet von Prof. Johannes Tiemann, weiter unten das Unbescholtenheitszeugnis,. ausgestellt von Direktor Uhlemann:

 

Arbeiten meines Sohnes
Friedrich Wilhelm
für das Abiturienten Examen am 2.3.5. u. 6. Juni 1916

Deutscher Aufsatz :

Elternhaus, Heimat, Vaterland.

Motto: Und setzet Ihr nicht das Leben ein, wie wird Euch das Leben gewonnen sein!

Als ich vor einigen Tagen aus Hannover zurückkam und meiner Mutter jubelnd mitteilte, ich sei angenommen, da nahm sie mich bei der Hand, führte mich in Ihre Kammer und reichte mir einen Brief von meinem verstorbenen Großvater, den dieser an mich geschrieben hatte, als ich kaum zwei Tage alt war. Er schrieb mir darin, dass ich der Luft der Welt und meinen Eltern mit einem Freudenschrei begrüßt hätte, und dass ich schon bald, meiner männlichen Kraft voll bewusst, meine Arme wie zwei kleine Würste um mich geschaukelt hätte, freudig  bin ich im ganzen Haus aufgenommen worden, und durch mein helles Kreischen hätte ich meinen Eltern immer wieder versichert, dass ich mich sehr wohl bei ihnen fühlte. Auch den Tag meiner Geburt hätte ich mir vortrefflich ausgesucht; vor 85 Jahren nämlich, am 18. Oktober 1813 hätten vor Leipzigs Toren eine gewaltige Völkerschlacht getobt, und erst nach gegenseitigem Ringen sei es den angreifenden Deutschen gelungen, den Abenteurer von Korsika, Napoleon, von seinem Franzosensitz herunterzustoßen. Deshalb müsse auch mein künftiger Wahlspruch sein: Nieder mit allem Aufgezwungenem und Ungerechten; und hoffentlich, so schrieb er: „ wirst Du auch mal ein tüchtiger Vaterlandsverteidiger.“ Was mein Großvater mir geschrieben, was er mir dadurch gesagt und mir gewünscht hat, ist alles in Erfüllung gegangen. Von liebevoller Elternhand gepflegt, wuchs ich bald zu einem kräftigen Knaben heran, der zuvor lieber Indianer als zur Schule ging. Mit vielen Nachbarsjungen wuchs ich auf, und Marktplatz und Schnatgang waren unsere Lieblingsplätze. Dort spielten wir Räuber und Stöckchen, Ball an die Wand, Springen. Wenn die Ferien kamen, zogen mit Mann und Maus, das heißt mit 3 Händen und einem kleinen Handwagen, in dem wir unsere Lebensmittel, Indianerfallen, Waffen und Stöcker die wir zu Zeltbauen geschnitzt hatten, früh morgens in die Wüste hinaus und schlugen kurz hinter Kl. Nordhaus unseren „ Wigwam“ auf. Bald fanden große Besprechungen statt, wenn das Kriegsbeil ausgegraben oder einer skalpiert und gemordet werden sollte; und schweigend ging dann die Friedenspfeife umher, die aus einem glimmenden Rohrstock bestand, und ehrfurchtsvoll sich vorbeugend, blies jeder den beißenden Rauch in alle vier Winde Als wir älter wurden und schon gewandt laufen konnten, saßen wir oft stundenlang auf Schenks Heuboden und verschlangen mit großen, müden Augen einen Indianerroman nach dem anderen. Der letzte Mohikaner, der Schatz am Silbersee, Winnetou, Old Shatterhand, im Kreise der silbernen Löwen, und andere herrliche Sachen mehr von dem berühmten Karl May, der nie aus Europa herauskam und doch die abenteuerlichsten Geschichten erzählte von den Sandwüsten Afrikas und den endlosen Steppen und unendlichen Goldlagern Amerikas.

Als wir dann zu ersten Mal einen Zirkus gesehen hatten, spielten wir natürlich Zirkus. Bei uns im Hof wurde eine Manege errichtet. Die Hunde wurden dressiert, wir selbst übten am Trapez, an der Türstange, auf dem Rade und dem Seile und dann luden wir kleine Mädchen ein als  Zuschauer, die dann für jede Vorstellung einen Pfennig zahlen mussten. Es war eine wundervoll, sorglose Zeit im Schutze des Elternhauses. Doch bald traten die ersten größeren Pflichten an uns heran. Die Schule stellte größerer Anforderungen, wir mussten mehr zu Hause sitzen und arbeiten, mussten für Vater und Mutter Besorgungen machen, überhaupt, wir hatten längst nicht mehr so viele freie Zeit wie früher. Nur sonntags gingen wir aus, aber unsere Ausflüge waren auch viel ausgedehnter als früher, und wir gingen nicht mehr zum Spielen hinaus, nein, wir marschierten nach rechter Burschenart und sangen Lieder dazu. Dadurch lernten wir unsere Heimat immer mehr kennen, und unsere Liebe zu den herrlichen Bergen und den grünen Wiesen wurde immer größer. Und wenn dann die Ferien kamen, dann schüttelten wir den Schülerstaub von uns ab, schnallten unser Rucksäcke auf, griffen zu dem Eisenstock, und mit Paukenschlag und Liedergesang zogen wir hinaus, hinaus in die freie Gottesnatur. „O Wandern, O Wandern, du freie Burschenschaft!“ Wir standen auf den Burghöhen und ließen uns den Wind um die erhitzten Gesichter wehen, dann schauten wir, bevor wir hinabstiegen in die weite, leuchtende Ebene und sahen in der Ferne, noch einmal auf unsere herrliche Naturstadt. Da lag es, das alte liebe Osnabrück, mit seinen herrlichen Türmen und freundlichen Bewohnern, eng umschlossen von grünen, sanft aufsteigenden Höhen. Eine feierliche Sonntagsstille lag über dem Tale, und leise tönten von fern die dumpfen Klänge der Glocken, und es war eine große Feier in unserem Herzen, und zum ersten Mal fühlten wir ganz den tiefen Wert des Wortes: Heimat. Doch dann, dann rissen wir uns los und stürmten hinein in die leuchtende Ebene, der Herz so voll und die Seele so leicht; und wir sprangen, sangen jauchzend und jubelnd all unser Glück dem leisen stillstehenden Wald zu: „O, wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!“ Und älter und älter wurden wir; aus den übermütigen Buben waren kräftige Jünglinge geworden. Unsere Heimat kannten wir in und auswendig, und unsere Eltern wünschten daher, dass wir unser deutsches Vaterland etwas kennen lernen sollten. Wir fuhren deshalb in den großen Ferien wohlgemut, wenn auch nicht ganz ohne Herzklopfen, in die weite Welt hinaus. Wir sahen den Harz mit seinen lieblichen Tälern und gewaltigen Höhen, mit seinen zahlreichen Herden, deren leises Läuten uns sacht in den Schlaf sang, wir sahen die Weser, den deutschen aller Ströme, ließen uns von seinen aufbrausenden Wellen verzaubern und sangen das alte Lied von fernen Meer und des Meeres blitzender Wellen. „Fahr wohl, fahr wohl, du selige Zeit, “ sangen wir und fingen doch erst an sie zu kosten. Und wieder machten wir Ferien, und wieder packten wir die Koffer, doch diesmal ging es zur deutschen See. Schon von weither hörten wir ihren rauschenden Seegang, und mit träumenden Augen schauten wir in die unendliche Weite.  Aufgeregt frohlockten wir, als eine Sturmflut die Strandkörbe mit wildem Getöse gegen die Dünen fegte. Doch als am grauen Horizonte deutsche Kriegsschiffe auftauchten und ruhig ihre großeBahnen zogen, trotz Sturm und Wetter, da erfasste uns ein ehrfurchtsvolles Staunenvon Deutschlands Arbeit und Tüchtigkeit.

Und dann kam der Krieg. Ein tausendstimmiger Schrei der Wut und desAbscheus rang sich aus allen deutschen Kehlen, als man erfuhr, dass England es genossen, das dieser furchtbare Krieg entfesselt, dass England uns nur aus schmählicher Geldgier all dieses namenlose Elend heraufbeschworen hatte. Aber man wollte ihnen schon zeigen, was deutsche Tüchtigkeit vermag. Und setzet Ihr nicht ihrer Leben ein, nie wird Euch das Leben genommen sein! Wir alle, jung und alt, arm und reich, niedrig und gering, sie alle machten sich zu des Königs Söhnen, sie alle setzten ihr Leben ein. Auch wir Kriegsabiturienten wollen unser Leben einsetzen für die große Sache, für unser geliebtes, teures Vaterland. Wir wollen zeigen, dass wir unserer Eltern, Heimat, unseres Vaterlandes wert sind, dass wir nicht umsonst unser Vaterland haben lieben gelernt mit all seiner Naturschönheiten, mit all seiner landwirtschaftlichen und industriellen Sorgsamkeit. „Was du erbest von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!“ Ja, wahrlich, wir wollen das alte Erbe unserer Väter erwerben, und  wenn es sein muss, mit unserem Herzblut, um es voll und ganz unser eigen nennen zu können.

Mit Wärme geschrieben und in der Vorstellung gewandt, freilich wieder nicht frei von Unschlüssigkeiten in der Orthografie und Interpunktion. Trotzdem darf das Gesamturteil

„GUT“

lauten. Die Schulleistungen waren ebenfalls „ gut“ litten übrigens unter demselben Mangel wie der Prüfungsaufsatz.

Osnabrück, den 3. Juni 1916

 

gez. Tiemann, Prof.

 

Unbescholtenheitszeugnis

Direktor UIhlemann bescheinigt unter dem 13. Januar 1916:

„Dem Unterprimaner Wilhelm Dickhuth, Sohn des Professors Dr. Dickhuth in Osnabrück, usw. „

Scan: N. Böhnke / privat

 

Wilhelm Dickhuth als Soldat, wohl 1916; als Abiturient stand ihm die Offizierslaufbahn offen, worauf der Fähnrichs-Säbel hindeutet  (Foto: N. Böhnke)

 

Zwei Schüler sind wahrscheinlich um dieselbe Zeit in Uniform zur Schule gekommen, vielleicht um sich von ihren Schulkameraden zu verabschieden. Namen der Abgebildeten sind nicht bekannt.

Schüler in kaiserlicher Armeeuniform (Namen nicht belannt); Aufnahmedatum unbekannt (Foto: N. Böhnke)

Unten einige Bilder aus unbeschwerteren Zeiten vor dem Krieg.
Sie stammen ebenfalls von Frau N. Böhnke – vielen Dank!

Klassenfoto; mittlere Reihe mit Hut, links: Prof. Dr. Wilhelm Dickhuth

 

Ausflug ans Wasser, undatiert und ohne Namen  (Fotos: N. Böhnke)

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