Abiturjahrgang 1998

Bacht, Oliver; Baingo, Monika; Becker, Meike; Böhne, Iris; Braunagel, Niklas; Budke, Nils; Campen, Jan; Dechandt, Larissa; Dederer, Alexander; Diekmann, Kirsten; Dölling, Sergej; Dudek, Fabian; Edinghofer, Galina; Fischer, Alexander; Giersch, Simone; Glasner, Inna; Gudehus, Svenja; Hafer, Kirsten; Haller, Katja; Hauser, Timo; Hergert, Helena; Karow, Tobias; Klain, Ivetta; Klötzel, Rudolf; Klötzel, Lydia; Köpke, Daniel; Korte, Thomas; Kötter, Martin; Krüger, Nadin; Kuhlmann, Meike; Kutikov, Dimitri; Langkamp, Kathrin; Lohsträter, Nadine; Marx, Melanie; Mergner, Mario; Musli, Sebastian; Mueller, Mathias; Pettenpaul, Dominik; Prinz, Irina; Reichert, Andreas; Riedel, Eugenia; Risse, Inga; Rist, Sandra; Rybak, Antje; Schmalz, Julia; Schmidt, Arne; Schneller, Elisabeth; Schulz, Daniela; Schumann, Nancy; Simon, Meike; Steins, Daniela; Stoller, Lili; Tetzlaw, Antonina; Tran, Ba Kien; Tran, Van Hung; Victorio, Claudia; Vinke, Andre; Vinogradov, Andrej; Vitmann, Maja; Welling, Stefanie; Wilde, Raoul Patrick; Zurlutter, Sebastian

eingescannt aus: “Wegen guter Führung entlassen”, Abi-1998-EMA, Abizeitung 1998

Foto: EMA
Rede zur Entlassung der Abiturienten 1998

Liebe Abiturientinnen und Abiturienten!
Sehr geehrte Ehemalige, Eltern, Kolleginnen und Kollegen!

Ich möchte Ihnen einige Überlegungen zu der Frage vorstellen, wie wirklich die Wirklichkeit ist. Zunächst eher theoretisch, dann eher praktisch.

Mit dem Übergang vom geozentrischen zum heliozentrischen Weltbild durch Kepler und Galilei, mit dem Erkennen der Evolution durch Charles Darwin und der Relativität von Raum und Zeit durch Albert Einstein hatten sich wissenschaftliche Revolutionen ereignet, die den Glauben der Menschen in die eigene Einzigartigkeit und in ihre Kenntnis der Welt erschütterten.

Insbesondere die Relativitätstheorie. die in breitem Rahmen auch öffentlich diskutiert wurde, lösten Kopfschütteln über das präsentierte Bild von Wirklichkeit aus. Ein zwanzigjähriger Zwilling, der mit einem fast Lichtgeschwindigkeit fliegenden Raumschiff wegfliegt, kommt nach 50 Jahren wieder und ist dabei erst 5 Jahre älter geworden. Der 25-jährige steht neben seinem 70-jähriger Bruder? Dieses sogenannte Zwillingsparadoxon war für viele Menschen unverständlich.

In den zwanziger Jahren begann in Wien aufgrund dieser Erschütterungen eine intensive Beschäftigung mit wissenschaftstheoretischen Problemen. Der Wiener Kreis um Moritz Schlick und Rudolf Carnap formulierten ihre Auffassungen von Wissenschaftlichkeit, den logischen Empirismus Er beruht auf drei Grundaussagen.

  1. Es gibt eine vom Menschen nicht beeinflußte Wirklichkeit.
  2. Diese Wirklichkeit kann durch sprachliche Aussagen erfaßt werden.
  3. Die Wahrheit allgemeiner Aussagen über die Wirklichkeit entsteht nur durch die Wahrheit der Aussagen über sinnliche Wahrnehmungen.

Der Empirist kommt von einzelnen Wahrnehmungen zu allgemeingültigen Aussagen. Beispiele für ein solches Vorgehen wären: Dies ist mein Rabe Jacob und er ist schwarz. Alle Raben sind schwarz.

Die Sonne ist heute aufgegangen. Wohin man auch geht, die Sonne geht jeden Tag auf.

Gegen den dritten Satz der Empiristen wandte sich Sir Raimund Popper mit seinem kritischen Rationalismus in seinem 1935 erschienenen Buch „Die Logik der Forschung“ und ersetzte diesen dritten Satz durch zwei weitere Sätze.

  1. Die Wahrheit allgemeiner Aussagen muß empirisch überprüfbar sein, d.h. er lehnte das Induktionsgesetz, das Schließen vom Einzeln aufs Ganze ab.
  2. Einzelne Aussagen über sinnliche Wahrnehmungen können nur die Falschheit allgemeiner empirischer Aussagen erweisen, nicht aber deren Wahrheit

In diesen beiden Aussagen steckt das Poppersehe Kriterium für Wissenschaftlichkeit, sein Falsifikationskriterium Es muß stets möglich sein eine Aussage zu widerlegen, sonst kann die Aussage nicht eine wissenschaftliche sein. Insofern ist meine Kenntnis von nur schwarzen Raben kein Beweis dafür, daß es nur schwarze Raben gibt. Die Aussage „Alle Raben sind schwarz“ ist aber doch eine wissenschaftliche, denn die Existenz eines einzigen weißen Raben würde die Aussage widerlegen.

Vor langer Zeit war Pytheas von Marseille der erste Reisende, der den Polarkreis überschritt und das gefrorene Meer und die Mitternachtssonne beschrieb. Er galt Jahrhunderte lang als Musterbeispiel eines Lügners. Daß die Sonne nicht unterging, konnte einfach nicht sein.

Im Gegensatz zu den Positivisten, die stets davon überzeugt blieben, daß man zu positiver Erkenntnis, zu beweisbarem empirischen Wissen fähig ist, beharrte Popper immer darauf, daß es innerhalb seiner Theorie keine Möglichkeit gebe, beweisbares Wissen zu erzeugen, sondern nur durch Anhäufung negativen Wissens die Wahrheit einzukreisen. Er wählt den Begriff des Netzes, das man über die Welt wirft und dessen Maschen man stets enger macht, aber das man nie zuziehen kann.

Eine dritte wissenschaftstheoretische Richtung, der Konstruktivismus, rückt das beobachtende Subjekt, den Forscher, als die Wirklichkeit beeinflussende Größe mit ins Blickfeld. Man kann seine Aussagen ebenfalls in drei Sätzen zusammenfassen.

  1. Es gibt in Bezug auf jeden Menschen eine unberührte Wirklichkeit.
  2. Der Mensch hat die Möglichkeit, der Natur von ihm gewollte Vor-gänge aufzuzwingen.
  3. Es gibt ein System von Handlungsanweisungen, mit dem sich alle technischen Handlungen vollständig beschreiben und wiederholen lassen (ohne daß man den Anspruch auf Wahrheit erheben müßte.).

In der Wissenschaft spielt nicht die Wahrnehmung, sondern die interessengeleitete Beobachtung eine Rolle, also etwas Theoretisches. Vor der Erkenntnis steht stets die Konstruktion, die Vorstellungen eines Menschen. Die Vorstellungen von Wirklichkeit beeinflussen mein Bild von der Wirklichkeit. Unser Bild von der Wirklichkeit ist ein von uns konstruiertes Bild. Nicht Beobachtungen wie im Positivismus und Rationalismus, sondern Theorien bilden die Basis der Wissenschaften.

Eskimos können 16 verschiedene Arten von Schnee auseinanderhalten, und das kann nicht daran liegen, daß der Schnee dort anders fällt als hier. Ihre Beobachtung ist von lebenswichtigem Interesse für sie, und ihre Wirklichkeit wird anders.

Ich denke. daß die hier vorgestellten Wissenschaftstheorien ihre wahren Kerne haben. Ich glaube, daß der Gegensatz von subjektiver und objektiver Wirklichkeit nur ein konstruierter ist, daß erst die Akzeptanz der Komplementarität der Begriffe zur Erkenntnis führen kann. Ich glaube, daß es eine Erkenntnis der Wirklichkeit nicht gibt und daß, wenn zwei Menschen sich treffen, schon zwei Wirklichkeiten existieren.

Was bedeutet das für uns?

Wenn mich mein Sohn oder meine Tochter mit einem fröhlichen „Aufgeräumt!“ nach oben in ihre Zimmer rufen, dann weiß ich schon, wie ihre Wirklichkeit aussieht. Das gleichverteilte Chaos ist meinem Blick entzogen worden. Ein Blick in die nächste Schublade bestätigt meine Sicht der Wirklichkeit. Wenn ich dann in ihre Gesichter sehe, bemerke ich dort nur Unverständnis. Es ist doch aufgeräumt! Ihre Wirklichkeit ist eine ganz andere, es sieht doch prima aus. Ich weiß, daß das vielen der hier anwesenden Eltern ebenso geht.

Wenn ich mich mit meiner Frau über meinen Anteil an häuslicher Mitarbeit unterhalte, dann bin ich immer ganz fassungslos über ihre Bewertung meiner Bemühungen. Ich soll nicht der beste Ehemann von allen sein? Ich behaupte dann, daß ich weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt liege, und erhalte als Antwort, daß es schon reicht, zweimal In der Woche den Briefkasten zu leeren, um über dem Durchschnitt zu liegen Ich weiß, daß das vielen der hier anwesenden Väter ebenso geht.

Wenn ich mich mit meinen Schülern über die Bewertung ihrer mündlichen Leistung unterhalte, dann prallen stets zwei Welten aufeinander. Das ist bei manchen Schülern Absicht, sie widersprechen erstmal aus Prinzip. Eine Strategie, die erfolgreich sein muß, sonst müßte man sie ja irgendwann unterlassen. Bei anderen hingegen ist es ehrliche Enttäuschung über meine Sicht der Dinge, bei dritten klammheimliche Freude.

Die Erkenntnis, daß es für eine unterschiedliche Sichtweise der Welt keiner bösen Absicht oder ausgeprägter Dummheit bedarf, hilft die Unterschiede zu akzeptieren. Wenn es schon so ist, daß man sich letztlich auch über einfachste Dinge nicht einigen kann, dann wird es unmöglich sein, Einigkeit über abstrakte Begriffe wie Ordnung, Arbeitsteilung oder Bewertung zu erlangen.

Daraus folgt der Zweifel. Es ist im Poppersehen Sinne nötig, meine Hypothesen der strengstmöglichen Prüfung zu unterziehen. Vielleicht sind die Zimmer ausreichend aufgeräumt, meine häusliche Mitarbeit nicht ausreichend, die Bewertung der mündlichen Leistung falsch. Vielleicht sollte ich die Zimmer so akzeptieren, öfter mal den Geschirrspüler ausräumen und einen Punkt mehr geben. Vielleicht aber auch nicht.

Ich meine nicht grundsätzliche Nachgiebigkeit, eine Vermeidungsstrategie für Streit, sondern eine Überprüfung der eigenen Entscheidung. Ich meine nicht handlungsunfähig machende Grübelei, sondern eine Entscheidung nachdem ich den Anderen gehört habe. Einfach deswegen, weil er ja recht haben könnte oder ich seine Sicht der Dinge nun besser verstehe, einfach deswegen, weil es immer mindestens zwei Wirklichkeiten gibt.

Ich möchte noch auf zwei Welten, die an dieser Schule existieren und deren Wirklichkeit jeweils anders aussieht, zu sprechen kommen. Auf der einen Seite die auch russisch sprechenden Schüler, auf der anderen Seite die nur deutsch sprechenden Schüler. Gerade hier an dieser Stelle ist schon oft Integration und Bemühung um die neueren Mitbürger eingefordert worden. Sie ist von dieser Schule, ihrem Kollegium und ihren Schülern auch geleistet worden. Oberstufenschüler haben sich bereit erklärt, Sprachunterricht zu geben, zwei 8. Klassen wurden zur besseren Integration neu aufgeteilt, die SV und Oberstufenschüler haben Feten und Konzerte organisiert, die Schule und Eltern haben mit riesigem Aufwand eine Fahrradfahrt zum Frieden von 1648 nach Münster organisiert. Ich meine, ihre Beteiligung an diesen Aktivitäten hätte höher ausfallen können.

Es gibt auch Wanderer zwischen den Welten, einige die sich in beiden Gruppen einen Namen gemacht haben. Die einerseits Leistungsbereitschaft und -fähigkeit gezeigt haben (z.B. durch eine 15 Punkte-Prüfung im Fach Geschichte), andererseits Sinn für Unsinn und Interesse an den anderen. Ich meine den größten Schüler dieses Jahrgangs, er ist fast 2m groß, Sergej Dölling, und nenne ihn als Beispiel für gelungene Integration.

Vielen anderen möchte ich raten, sich nicht selber auszugrenzen und in Zukunft mehr mitzumachen.

Ihr alle werdet nun zu neuen Ufern aufbrechen, Studium oder Ausbildung, Zivildienst oder Bundeswehr warten auf euch. Ihr habt eure Eintrittskarte in den Bereich mit den gute Chancen gelöst und ihr neigt dazu, das als Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Verplempert eure Chancen nicht, Ihr müßt ein bißchen mehr Einsatz bringen als ihr ihn hier manchmal gezeigt habt.

Ihr werdet noch durch manche Wüste laufen, hoffen wir, daß immer rechtzeitig eine Oase auftaucht. Macht‘s gut, ihr werdet mir fehlen.

Euer Carsten K.F. Budke

 

Quelle: EMA-Report 1998, S. 15ff.
Die Orthographie wurde so belassen; einige Flüchtigkeitsfehler wurden ausgebesert

 

 

Motto: „Wegen guter Führung entlassen“

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