1. kaufmann-1967

Kaufmann, Walter, Dr.

Dr. Kaufmann (im Vordergrund Hermann Mohr, später Vorsitzender des Fördervereins) Foto: privat

Fächer: Deutsch / Religion; seit 1.12.1966 im Ruhestand

Herausgeber der Festschrift zum 100-jährigen Bestehen der Schule;

Studienrat Dr. Walter Kaufmann trat in den Ruhestand

 

(Laudatio anlässlich seiner Verabschiedung: Dr. Laig)

Wenn man 33 nur wenig unterbrochene Jahre zusammen an derselben Schule im Beruf stand und immer am selben Strang zog, dann lohnt es sich schon, einen Augenblick Rückschau zu halten. Und wenn man bedenkt, daß man diesen Strang immer in dieselbe Richtung bewegte, dann kann man von einer langen, glückhaften Zusammenarbeit sprechen, wie sie nur wenigen beschieden ist.
Ostern 1934 wurde ich als Referendar meiner alten Schule überwiesen, dem Staatlichen Reformrealgymnasium mit Oberrealschule zu Osnabrück. Zwei Jahre zuvor war Herr Dr. Kaufmann als junger Studienrat in das Kollegium eingetreten. Unter seiner sorgsamen, verständnisvollen Obhut durfte ich mich zunächst im Englischunterricht einer tüchtigen Obersekunda betätigen. Besonders eng gestaltete sich unsere Zusammenarbeit in den Kriegsjahren 1942/43, als wir beide, mit noch zwei anderen Kollegen auf uns allein gestellt, im KLV-Lager in Bresnitz (Böhmen) die Osnabrücker Jungen unterrichtlich zu betreuen hatten. Die tatkräftige Leitung unseres damaligen Direktors Dr. Heinze war uns eine große Hilfe in schwerer Zeit. Im August 1943 wurde Herr Dr. Kaufmann zur Wehrmacht eingezogen und stand zunächst in einer Dolmetscher-Kompanie in Königsberg, von Mai 1944 an in einer Infantrieeinheit (sic!) im Einsatz in Frankr. Im August 1944 geriet er in amerikanische Gefangenschaft und konnte erst im September 1945 nach Osnabrück zurückkehren, um seine (altgewohnte) Tätigkeit an unserer Schule wieder aufzunehmen. Er hat im Deutschunterricht ebenso wie im Englischunterricht den Schülern wertvolle Anregungen gegeben und die Wegweisung in diesen Fächern entscheidend mitbestimmt. Im Religionsunterricht hat er vielen Schülern die Grundlagen eines schlichten, undoktrinären Christentums vermittelt, das vielen helfen wird, den notwendigen Halt in schwierigen Lebenslagen zu finden. Auch dem Musikunterricht hat er zeitweilig seine Mitwirkung nicht versagt, auch oft an musikalischen Veranstaltungen der Schule mitgewirkt.

Außerhalb der Schule ist vor allem seine langjährige Tätigkeit im Kirchenvorstand von Sankt Marien zu erwähnen (von 1937 bis 1952). Viele Jahre hat er dem Gustav-Adolf-Werk gedient, und zwar als Vorstandsmitglied des Osnabrücker Zweigvereins zusammen mit unserem unvergessenen Kollegen Käsewitter. Seine besondere Liebe gilt noch immer dem Historischen Verein zu Osnabrück, in dessen Vorstand er seit Jahren ist. Weit über die Grenzen des Osnabrücker Landes hinaus genoß er als Orgelkenner Achtung und Ansehen. Auf diesem Gebiete ist er mit mehreren wissenschaftlichen Arbeiten an die Öffentlichkeit getreten:

1. Der Orgelprospekt in stilgeschichtlicher Entwicklung. Mainz 1948.
2. Die Orgeln des alten Herzogtums Oldenburg. Oldenburg (Stelling), 1962.
3. Mehrere Aufsätze im Jahrbuch des Historischen Vereins, u.a.: Fayencefabrik in Osnabrück. Orgeltopographie Nord Westdeutschlands.

Zum Schluß sei es mir erlaubt, einige Daten aus dem Leben Dr. Walter Kaufmanns festzuhalten:
geboren am 22. April 1901 in Münden,
Abitur im März 1919 am humanistischen Gymnasium in Münden,
von Ostern 1919 an Studium der Germanistik, Anglistik und Geschichte in Göttingen, Jena, Leipzig und von 1921 bis 1923 wieder in Göttingen.
Seine Dissertation: „Über den Begriff des Dämonischen bei Goethe“.
Doktorexamen am 13. Dezember 1922 in Göttingen,
im November 1923 1. Staatsexamen,
anschließend Referendar am Gymnasium in Göttingen und am Realgymnasium in Hannover,
im September 1925 Assessor-Examen,
von Herbst 1925 bis Ostern 1926 Inspektor am Alumnat des Klosters Loccum
mit 13 Wochenstunden am Gymnasium in Münden.
Ostern 1926 Versetzung an das Wilhelms-Gymnasium in Emden,
Ostern 1930 Ernennung zum Studienrat,
Ostern 1932 Versetzung nach Osnabrück.

Dr. Friedrich Laig

(aus: „neue realität“ Nr. 28 / Frühjahr 1967)

Wenn am 28. Oktober dieses Jahres die Wiederkehr des Tages gefeiert wird, an dem Bürgermeister Johannes Miquel vor 100 Jahren unsere Schule, die damalige Realschule, eröffnete, dann werden viele „Ehemalige“ das alte Gebäude an der Lotterstraße aufsuchen und, soweit sie Altschüler aus der Zeit vor 1945 sind, wird vor dem geistigen Auge des einen oder anderen auch das Bild der alten Aula wieder erstehen, dieses gleichsam altdeutschen, mit Gemälden und Porträts reich geschmückten Feierraums der Schule. Auch in meiner Erinnerung, der ich im April 1932 zusammen mit Herrn Schriever (in Osnabrück im Ruhestand lebend) von dem damaligen Direktor Wendland dort eingeführt, d. h. dem Schülerpublikum vorgestellt wurde, bleibt das Bild dieser Aula lebendig. Infolge seiner Historienbilder stellte dieser Raum damals etwas Besonderes in Osnabrück dar.
In dieser alten Aula waren die schmalen Sitzbänke in Richtung Hegertor nach Osten zu angeordnet. Abgesehen von der Gefallenen-Gedenktafel 1914/18 war im übrigen die Ausstattung seit 1880 gewiß unverändert geblieben.*) Beim Eintritt ging der Blick unwillkürlich nach rechts. Hier hatte ein sonst unbekannter Historienmaler, Leonard Gay, in einem die ganze Wand bedeckenden Gemälde ein geschichtliches Ereignis im wahrsten Sinne des Wortes „aufgeräumt“: Die Verkündigung des Westfälischen Friedens 1648 vor dem Rathaus zu Osnabrück! Vor der Freitreppe, überall ein Getümmel von Menschen, Fanfarenbläser, ein Kirchenchor, wehende Fahnen und in der Mitte vor dem Portal der Ratsherr, der die Friedensbotschaft wie eine Pergamenturkunde in der Hand schwenkte. – Wie viele Schülergenerationen haben dieses Kolossalgemälde im Laufe ihrer Schulzeit betrachtet! Immer wieder las man den in einem Schildchen angebrachten Vers von Paul Gerhardt:
„Gott lob! nun ist erschollen Das edle Fried- und Freudenwort“, studierte man die Figuren dieser sich vor Freuden umarmenden Männer und Frauen, hörte man im Geiste die Stadtmusikanten auf dem Umgang des Marienkirchturms musizieren, der rechts im Bilde gerade noch angedeutet war.- Auf der rechten Längswand der Aula gab es weitere erregende Szenen im Bilde zu sehen: Die Taufe Widukinds, und schließlich: Die Varusschlacht im Teutoburgerwalde. Auch diese beiden Themen waren außerordentlich dramatisch vorgeführt. Welchen Eindruck diese Aula und diese Bilder auf einen Schülerneuling machten, das ist ergötzlich in dem Aufsatz von Werner Wildhage in der Jubiläumsschrift nachzulesen. Auch zu meiner Zeit knackten die Aulatüren so sinnig, wenn der Hausmeister Herr Bühling sie schloß und die Orgel, gespielt von Herrn Weinberg, bereits ihre Klänge ertönen ließ.
Diese Orgel stand an der Stelle des heutigen Podiums, ihr Gehäuse ragte etwa zwei Meter in den Raum hinein, so daß sich auf der linken Seite – rechts saß der Spieler – eine dunkle Nische ergab. In ihr hockten, wie W. Wildhage anschaulich berichtet, während der morgendlichen Andacht gewisse Mogler und Faulenzer, um schnell noch eine Schulaufgabe aus dem Heft eines anderen „abzupinnen“. Deckung von vorn wurde gerne gegeben.
Die ganze Herrlichkeit der Aula, die Gemälde, die Orgel, die Balkendecke gingen im Feuersturm des 10. August 1942 unter. Das Gebäude blieb nach dem Wiederaufbau äußerlich im wesentlichen unverändert. Die wilde Üppigkeit von blühenden Büschen und Bäumen, Goldregen, Flieder, Kastanien, die früher über die Mauer und das Gitter bis auf den Gehsteig hingen, hat einer schlichteren Bepflanzung Platz gemacht. Als ich das Gebäude im Jahre 1932 zum ersten Male in seiner Klotzigkeit sah, war ich entsetzt. Als ich nach 35 Jahren Abschied nahm, wurde mir die Trennung von dieser Stätte schwer.

Dr. Walter Kaufmann

*) Es gibt Formen, die man nicht verändern kann (Anm. der Red.)

Quelle: „neue realität“ Nr. 30/Herbst 1967

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