1. Jubiläumsfeiern
  2. 1967: 100 Jahre

Über die weiten, klaren Flure und Treppen gelangte man, vorbei an sich gedämpft unterhaltenden Gruppen weißer oder in Ehren ergrauter Herren in die sonnenlichtdurchflutete Aula, die durch ihre große Fensterwand den Blick freigab auf ausruhend sanfte, grüne Weiden. Langsam füllte sich der Saal, und die würdigen Köpfe in weißem und schwarzem Tuch nahmen, noch immer verhalten plaudernd, ihre Plätze ein. Schließlich verstummte auch das, und die Aufmerksamkeit der Festversammlung galt der einleitenden Rinaldo-Suite von Händel, die von dem erweiterten Schulorchester, dirigiert von Studienreferendar Siedenburg, gespielt wurde. Es folgte die Begrüßung durch Oberstudiendirektor Kähler, der sich bei allen Gästen für ihr Kommen bedankte und die große Mühe aller an den Vorbereitungen und der Durchführung Beteiligten hervorhob, denen herzlicher Dank gebühre. Direktor Kähler bezeichnete die Wortes Goethes: „Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt geprägte Form, die lebend sich entwickelt” als auch für den Organismus einer Schule geltend. Der, welcher diese geprägte Form der damaligen Realschule gegeben habe, sei der von unbeirrbarer Arbeit besessene und von leidenschaftlichem Wollen bestimmte Bürgermeister Johannes Miquel gewesen. Er habe lange dafür gekämpft, und es auch erreicht, daß die konfessionell ungebundene Realschule gegründet wurde, deren Ziel es gewesen sei, „ihre Schüler über das praktische Leben zu erheben, ohne sie ihm zu entrücken,” wie es der erste Direktor der Schule, O. Fischer, formuliert habe. Heute, in Zeiten des Umbruchs, werde deutlich, daß der Blick auf die Vergangenheit, zu dem ein Jubiläum Anlaß gebe, nicht genüge, daß die Jugend nicht nur für die Gegenwart, sondern mehr noch für die Zukunft erzogen werden müsse: „Der Schüler soll eine geistige Grundbildung erhalten, die ihn befähigt, eine Welt zu verstehen und mitzugestalten, deren Lebensordnungen in einem ständigen Wandel begriffen sind, und auch wissenschaftliche Studien aufzunehmen.” Der Oberstudiendirektor beendete die Ansprache mit den Worten: „Möge Gott uns seinen Segen geben.”

 

Anschließend sang der Schulchor unter Leitung von Dr. Voß den Chorsatz „Die Ehre Gottes aus der Natur” von Ludwig van Beethoven.
Eine Reihe von Grußworten beendete den ersten Teil der Feierstunde. Oberschulrat Dr. Greulich, der als Dezernent der Schulbehörde die Grüße des Nds. Kultusministers überbrachte, stellte fest, daß, wenn man zurückblicke, man feststelle, daß alle anfallenden Probleme schon einmal dagewesen seien, sie jedoch immer wieder in neuen Situationen aufträten, und man kein Patentrezept finden könne. Er hob die Verdienste Johannes Miquels an die Schule hervor und zeigte auf, daß Miquels Bemühen um Freiheit und die damit verbundene Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, in der heutigen Schülerschaft noch lebendig seien.
Oberbürgermeister Kelch beschäftigte sich in seiner Ansprache mit dem engen Zusammenhang zwischen Schul- und Stadtgeschichte. Er meinte, es sei allen Nachfolgern Miquels ein Vermächtnis, diese Schule zu fördern, und überreichte eine von Gerhard Sperling angefertigte Kopie des Lenbach’schen Porträts des Schulgründers.
Landessuperintendent Degener, Sprecher der evangelischen Kirchen, stellte u. a. heraus, daß an Arndt, der uns heute in vielen Dingen fernstehe, beispielhaft sei, daß er sich stets verantwortlich für das Ganze gefühlt habe. Seine Haltung zeige sich in dem Satz „Die Freiheit und das Himmelreich gewinnen keine Halben.”
Stadtdechant Bley betonte in einem kurzen Grußwort seitens der katholischen Kirche, daß im Leben eines Menschen gerade die Zeit zwischen zehn und zwanzig besonders wichtig sei, und es Aufgabe der Schule sei, den Jugendlichen in dieser Zeit positiv zu beeinflußen.
Der Vertreter der Bezirks-Regierung Osnabrück wies darauf hin, daß eine Schule mit einem Alter von hundert Jahren historisch und bedeutsam und damit ehrungswürdig werde. Er erwähnte das gute Nachbarschaftliche und dienstliche Verhältnis zwischen dem Gymnasium und der Regierung am Wall.
Auch Frau Oberstudiendirektorin Brunkhorst hob als Sprecherin der Leiter der Osnabrücker Gymnasien das gute und nachbarliche Verhältnis zum Mädchengymnasium hervor, das immer auch mit einer geistigen Verwandtschaft verbunden gewesen sei. Sie entwarf für die Osnabrücker Gymnasien das Bild einer Familie, in der es verschieden alte und verschieden große Brüder und Schwestern gebe. Sie nannte als eines der Ziele der Schule, das Körnchen Unbehagen dem Schüler zu vermitteln, das zu nei/en Taten Anlaß gebe.
Das letzte der Grußworte, die alle mit den besten Wünschen für die kommende Zeit verbunden waren, kam von Seiten der Elternschaft. Als deren Vorsitzende dankte Frau Knuth nochmals
allen an der Organisation des Jubiläums beteiligten und besonders auch der Schülerschaft, die in dieser Zeit ebenfalls manches zu tragen gehabt habe. Sie sprach unter großem Beifall den Wunsch aus, daß die jetzigen Schüler den seit langem geplanten Neubau noch erleben mögen. Als Geschenk überreichte die Elternschaft durch Frau Knuth einen Gutschein über eine Analysenwaage für den Chemieunterricht und einen lichtstarken Projektor für den Kunstunterricht.

 

Der Direktor bedankte sich für die zahlreichen guten Wünsche und die Geschenke, und der Auswahlchor leitete mit dem von Händel vertonten Psalm 96 zu dem Festvortrag über.
Es soll hier versucht werden, eine Zusammenfassung der Festrede von Ministerialdirigent Dr. Ahrens, Hannover, (Abiturient des Jahres 1942) zu geben, die freilich bei einer so konzentrierten Rede ohne Vorlage vom Manuskript oder Tonbandaufzeichnung mangelhaft bleiben muß.
Auch Dr. Ahrens sprach nochmals Dank für die mühevollen Vorbereitungen des Festes aus. Er stellte fest, es sei zwar für die Erinnerung schön, aber doch zugleich sehr bedrückend, wenn man nach so vielen Jahren wieder in seine alte Schule komme, und sehe, wie wenig sich doch geändert habe. (Starker Beifall!)
Man könne der Stadt mit Miquel sagen: Kein Kapital trüge bessere Zinsen, als der Aufwand für gute Schulen. Auf Ernst-Moritz-Arndt (sic) eingehend, bezeichnete Dr. Ahrens ihn als das gute Gewissen der Schule. Man müsse bei Arndt vom Zeitbedingten absehen und das Gültige in seinen Gedanken erkennen, die Ablehnung der autoritären Staatsform, die ihn immer wieder veranlaßt habe, alle Bestrebungen zu unterstützen, aus dem Untertan einen Bürger zu machen.
So habe Arndt in der Erziehung immer die einzige Möglichkeit zur Erneuerung gesehen. Diese Feststellung bleibe weiterhin gültig und sei eine Forderung für die Schulen. Im folgenden ging der Festredner auf die heutigen Verhältnisse im Staat ein.
Unsere Demokratie zeige sich heute formalistisch, kompliziert und schwer durchschaubar. Die Intelligenz sei wenig am öffentlichen Wohl interessiert, und die Wahl werde im allgemeinen nach Gefühlen vorgenommen. Gründe für diese Zurückhaltung habe die ältere Generation vielfach schnell bei der Hand. Man sei vor fünfundzwanzig bis dreißig Jahren voll in den Staat integriert gewesen und habe dabei die schlechtesten Erfahrungen gemacht. Nach dem Krieg sei zu der allgemeinen Erschöpfung hinzugekommen, daß man in der geistigen Auseinandersetzung mit dem Gemeinwesen von Staat, Schule und sogar Kirche allein gelassen und lediglich zur Arbeit aufgefordert worden sei. Und diese Jahrgänge der „verlorenen Generation” hatten sich in der Ausbildung als besonders ernst und konzentriert erwiesen. Diese Ernsthaftigkeit und Konzentration, die besonders von den Hochschullehrern noch heute gelobt werde, sei jedoch fast ausschließlich auf das Fachliche beschränkt gewesen*, man habe in dieser Zeit wenig über die Gemeinschaft reflektiert und sie kaum geübt, so daß Schelsky zurecht von der „skeptischen Generation” gesprochen habe, für die das fast ausschließliche Berufsstreben bezeichnend gewesen sei.
Diese Haltung der „skeptischen Generation” scheine, wie er aus eigenen beruflichen Erfahrungen schließe, unter den heutigen Jugendlichen abzuklingen und politischem Engagement zu weichen, das bei einigen wenigen Studenten zur Forderung eines Anarchismus führe, der alles Bestehende in Frage stelle und von der Vorstellung besessen sei, daß die Welt noch einmal von vorne anfangen könne. Man müsse jedoch erkennen, daß die heutige Gesellschaft keine Möglichkeit zur Stunde Null mehr habe. Daß der Staat sich gegen diese Anarchisten wende, die die gegenwärtige Staatsform gefährdeten, spreche nicht gegen, sondern für ihn.
Ganz anders müsse man sich allerdings in seinem Urteil gegenüber weiten Teilen der heutigen Jugend verhalten, die ein Unbehagen gegen das Wohlstandsdenken der meisten Bürger hegten. Es sei sehr positiv zu bewerten, daß man den Schock der finsteren Zeiten” überwunden habe und wieder kritisch denke; denn kritisches Denken sei das Fundament des freiheitlichen Staates. So habe es auch vor 1914 eine kritische und rebellische Jugend gegeben, die — wenn auch in anderer Form — sich gegen die Erstarrung im Denken und Leben jener Zeit aufgelehnt habe, und man müsse sich hüten, die heutige Entwicklung, über die man glücklich sein solle, nicht zu beachten, und damit die Jugend entweder zur Revolte oder in die Resignation zu treiben. Beides führe zu einer Entartung unseres Staates.
So sei es recht leicht, der Forderung der Jugendlichen nachzukommen, den Gemeinschaftskundeunterricht, den sie oft als unredlich betrachteten, da er die Bundesrepublik als einen Idealstaat hervorkehre, zu verändern, indem man von den wirklichen Verhältnissen ausgehe. Sehr viel schwieriger sei es jedoch, die kritisierte Diskrepanz zwischen den festgesetzten Zielen und der Praxis unseres Staates, in dem der Bürger in erster Linie zum Konsumenten geworden sei, auszuräumen. In der Tat könne man bisweilen am förderativen System verzweifeln, wenn man etwa sehe, wie stark allein schon das Schulwesen zersplittert sei. Hier sei eine grundlegende Reform des Staates unerläßlich.
Es reiche jedoch nicht aus, die kritisierten Organisationen zu verbessern. Jeder einzelne müsse sich der Kritik der Jugend stellen und sich aufrichtig fragen, ob er so stark wohlstandsorientiert sei. Und wenn er sich nicht zu diesem Kreis von Bürgern dazuzähle, solle er die Konsequenzen ziehen und das zeigen, indem er sich mehr an dem Gemeinwesen beteilige. Nur durch wirkliche Selbstprüfung könne man dem Unbehagen der Jugend entgegentreten.
Dr. Ahrens schloß seine Rede mit den Wünschen, daß auf dem Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium eine frohe Jugend erzogen werde, die von aus Berufung tätigen Lehrern unterrichtet werde, und daß auf dieser Schule eins zu sagen nie verboten sein möge: die Wahrheit.
Das Orchester beschloß mit der festlichen Suite von Klein die Feierstunde.
—ah —
Quelle: “neue realität” Nr. 30/Herbst 1967

 


Die Gedenkfeier für die in den Kriegen gefallenen Schüler und Lehrer der Schule wurde mit einer Musik für eine Streichergruppe eingeleitet. Die sich anschließende Gedenkrede wurde von Herrn Kapitän zur See Hackländer, eines ehemaligen Realgymnasiasten gehalten. Er wählte als Ausgangspunkt seiner Rede den Satz am Mahnmal in der Aula: „Den Toten zum Gedenken, den Lebenden zur Mahnung”. Auf den ersten Teil des Satzes eingehend sagte Kapitän Hackländer: Anläßlich dessen, daß man sich zusammengefunden habe, um der Gefallenen zu gedenken, sei es notwendig, sich zu fragen, wofür diese Menschen gefallen seien und weshalb man ihrer gedenke. Perikles habe gesagt, man sollte statt der Toten zu gedenken, lieber den Staat, für den diese Menschen gefallen seien, in all seinen Tugenden loben und es bestehe die beste Ehrung darin, diesen Bürgern in ihren Bemühungen nachzueifern.
Für die geschlossene Welt des neunzehnten Jahrhunderts sei es bezeichnend, daß man der Ansicht war, es sei süß und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. Die Soldaten hätten in dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und besonders in den Materialschlachten des ersten Weltkrieges gemerkt, daß das nicht stimme, aber man könne immerhin den Schutz des Vaterlandes als ein Ergebnis anerkennen. So sei die Frage des Totengedenkens bei diesen Kriegen gelöst. Wie aber solle man der Toten des zweiten Weltkrieges gedenken? Die Gedanken, für die man in den Krieg gezogen sei, seien — und das habe man damals nicht immer erkannt — verlogen gewesen. Auch das Ergebnis des Krieges könne nicht zum Gedenken Anlaß geben, in das Vergaste, Bombenopfer und Flüchtlinge einbezogen werden müßten. Die Soldaten seien auch keinen Opfertod gestorben, und das Bild der Gefallenen könne nicht das der Helden sein; man habe in diesen fünf eisenharten Jahren bewußten, härtesten Einsatz, aber auch Sich-gehen- und Fallen-lassen erlebt. Man dürfe es sich heute nicht einfach machen mit dem Hinweis auf die finsteren Zeiten. Man müsse den Gefallenen gerecht werden und einen Sinn des Krieges finden, den man damals nicht gesehen habe, damit leben und daraus Konsequenzen ziehen.
Die Aufrichtigkeit der Gefallenen verdiene Verehrung und sei eine Mahnung. Man mache es sich jedoch zu leicht, diese Mahnung — und damit komme er auf den zweiten Teil des Satzes — als eine Aufforderung zum Abschaffen aller Waffen zu sehen, ebenso abzulehnen sei das andere Extrem, mit ständiger Kriegsdrohung Frieden erreichen zu wollen. Man müsse vielmehr den Menschen in seiner Zwiespältigkeit erkennen, in seinem Hang zum Bösen und seinem Vermögen zum Guten. Aus dieser Erkenntnis heraus müsse man bereit sein, mit Ernst der Gewalt entgegenzutreten. Diese Haltung sei mehr, als das bloße Nachgeben, sie fordere Härte gegen sich selbst.
So müsse man versuchen, den Frieden zu schaffen. — Eines jedoch dürfe man nicht vergessen: „Ehre sei Gott in der Höhe.”
Während man sich erhoben hatte, wurden unter den Klängen des Liedes „Ich halt einen Kameraden” am Mahnmal Kränze niedergelegt.
-ah-
Quelle: “neue realität” Nr. 30/Herbst 1967

 

 

 


Festansprache
aus Anlaß des 100jährigen Bestehens
des Ernst -Moritz- Arndt- Gymnasiums zu Osnabrück

 

 

Lassen Sie mich mit einem Dank beginnen, den ich im Namen aller hier anwesenden Altschüler und zugleich wohl im Namen aller Anwesenden aussprechen möchte. Unser Dank gilt allen, die an der Vorbereitung und an der Organisation dieser festlichen Tage mitgewirkt haben. Die Tatsache, daß Altschüler jeden Alters in so großer Zahl erschienen sind, dürfte die schönste Anerkennung für die umfangreiche Arbeit sein.
Der Dank aller Anwesenden gilt aber auch der Stadt, die sich – wie wir soeben vernommen haben – nunmehr dazu entschlossen hat, auch unsere Schule zu erweitern und den modernen Erfordernissen anzupassen. Wenn man die Schule nach vielen Jahren wieder einmal betritt, so ist man erstaunt und betroffen zugleich, wie wenig sich alles verändert hat. Die Wandlungen unserer Zeit und der modernen Pädagogik sind an unserer Schule nahezu spurlos vorübergegangen. Ich kenne die Finanzlage der Stadt und weiß daher den Beschluß zum Umbau der Schule recht zu würdigen. Gleichwohl habe ich die Hoffnung, daß Rat und Verwaltung sich auch bei dieser Aufgabe leiten lassen von dem Grundsatz Miquels, daß kein Kapital bessere Zinsen trage als der Aufwand für gute Schulen. Die Stadt hat hier also eine große Chance, ihr Vermögen zu mehren!
Seit 10 Jahren trägt unsere Schule den Namen Ernst Moritz Arndts. Er ist der Pate, er ist aber auch das gute Gewissen dieser Schule. Und daher liegt es nahe zu fragen, ob er uns auch zum heutigen Tage etwas Gültiges zu sagen hat.
Manche seiner Anschauungen, die Arndt Herzenssache waren, wurden schon von seinen Zeitgenossen kaum verstanden. Und welcher Wandel, politisch, sozial, kulturell, wirtschaftlich und technisch hat sich seitdem vollzogen, wie himmelweit entfernt scheinen unsere Zeiten, unsere Ziele, unsere Aufgaben und Sorgen von den seinen.
Wenn wir aber absehen von allem, was an Arndts Denken und Handeln zeitbedingt war, so bleiben doch Grundlagen und Erkenntnisse zurück, die – so meine ich – heute noch wie damals Geltung beanspruchen. Dabei denke ich nicht so sehr an die Leidenschaft, mit der Arndt um die Einheit Deutschlands rang, an seine – wenn auch von anderen Ideen getragenen – europäischen Vorstellungen, – beides wieder wichtigste politische Anliegen unserer Zeit. Ich möchte auch nicht eingehen auf die Mahnungen, die Arndt dem Emporkommen des industriellen Zeitalters mit seiner Überbetonung des Technischen, mit Großkapitalismus und schrankenloser Gewerbefreiheit gewidmet hat und damit – modern gesprochen – der sozialen Frage.
Anknüpfen möchte ich vielmehr an den Grundtenor, der alle seine Schriften beherrscht: seine Ablehnung der absolutistisch-bürokratisch-polizeistaatlichen Verfassü Diese seine Haltung brachte ihm bekanntlich Jahre der Verfolgung durch einen zutiefst reaktionären Staat ein. Arndt ging es wie seinem Freunde, dem Freiherrn vom Stein, darum, den Untertan zum Staatsbürger zu machen, dem Rechte zustehen, dem aber auch Pflichten obliegen. Arndt wagte damit einen tiefen Eingriff in die überkommenen und erstarrten sozialen wie politischen Verhältnisse. Die Freiheit des Bürgers sollte zu einer Vermenschlichung des Staates führen. Die Realisierung dieser sittlichen Idee setzt nach Arndt eine rechte Erziehung des Menschen voraus, in der er den “einzig größten Punkt der Erneuerung des Menschengeschlechts und der Verjüngung des Staates” sieht.
Nun hat Arndt seine Forderung, über das Gemeinwohl zu wachen, für dieses Wohl zu streben oder – modern formuliert – sich für die Gemeinschaft zu engagieren, ganz gewiß nicht für unsere moderne Massendemokratie erhoben. Er hat diese Forderung für sein Zeitalter aufgestellt, obwohl er auch fast seherisch unsere heutigen Staatsformen als eine Auswirkung des technischen Zeitalters geahnt, auf ihre Möglichkeiten , aber auch auf ihre Schwächen und Gefahren hingewiesen hat. Aber Arndts Forderung ist zeitlos, er richtet sie an jeden politisch mündigen Menschen, und daher ist sie auch und gerade für uns heute noch hochaktuell. Wie steht es nun um die Erfüllung dieser Forderung? Wie stellen wir uns zu dem Anruf, der aus Arndts Schriften zu uns dringt?
Gewiß, wir haben eine Demokratie, in der Grundgesetz und Länderverfassungen als obersten und unabänderlichen Grundsatz postulieren, daß alle Staatsgewalt vom Volke ausgehe. Das Volk, also wir alle in unserer mitbürgerlichen Verbundenheit, gebietet dem Staat. Das ist das Fundament, auf dem unsere Verfassung das komplizierte Bauwerk der modernen Demokratie errichtet. Sie kann nicht mehr unmittelbar sein, sondern in ihr wird die Staatsgewalt durch vom Volke gewählte Repräsentanten ausgeübt; gewaltenteilende und föderalistische Sicherungen sind eingebaut, um einen Mißbrauch der Macht so gut wie möglich zu verhindern. Dieses formalisierte und funktio’nalistische System ist für die große Mehrzahl unserer Bürger nur schwer durchschaubar. Sie kennen “ihren” Staat nicht, allenfalls einige politische Repräsentanten. Aber auch diejenigen unter uns, die als geistige Menschen mit diesem Staat eigentlich mehr anzufangen verstehen müßten, zeigen sich wenig interessiert. Und so beschränken wir uns im allgemeinen darauf, bei den Wahlen – durch Propaganda, Massenmedien oder auch durch unsere Gefühle mehr oder weniger beeinflußt – unsere Stimme abzugeben. Eine solche Mitbestimmung ist eine sehr abstrakte Form politischer Machtausübung, – ganz sicher wird sie von vielen kaum als ein politisch aktives Verhalten empfunden.
Das ist ganz sicher nicht die Erfüllung der Forderung Arndts, daß der Bürger seinen Staat verantwortlich tragen, ihn schöpferisch gestalten solle. Warum versagen wir uns in unserer Mehrzahl dem von ihm geforderten Engagement?
Nun, Gründe für unsere Zurückhaltung haben wir leicht bei der Hand. Als wir vor 25 oder 30 Jahren die Schule besuchten, war fast jeder von uns in den Staat voll integriert, gleichgeschaltet, fest eingebaut in einen gewaltigen Apparat zur Vollstreckung eines einheitlichen Willens. Viele, allzu viele von uns haben die Unmenschlichkeit jener Zeit mit Leben und Gesundheit, mit Heimat und Habe bezahlen müssen. Diese Jahre sind heute Geschichte, das Erbe aber jener Zeit ist – immer noch – Deutschlands Gegenwart.
Als diese verlorene Generation aus dem Kriege zurückkehrte, da erging es ihr genau wie der Generation, die gut 25 Jahre früher genau so zerschlagen heimgekehrt war. Wir wurden in unserer geistig-seelischen Auseinandersetzung allein gelassen, allein gelassen vom Staat, von der Schule im weitesten Sinne, und weithin auch von den Kirchen. Aufbauen und arbeiten, – nachdenken kann man später, das war es, was man von uns – genau wie 25 Jahre zuvor – verlangte.
Als die Heimgekehrten in die Hörsäle einzogen, da waren es Jahrgänge, die auch heute noch von erfahrenen Universitätslehrern als die ernstesten und besten bezeichnet werden. Und doch konzentrierte sich unser Bemühen durchweg auf die berufliche Ausbildung. Nur wenige von uns wuchsen mit ihren Lehrern zu einer Gemeinschaft des Fragens und Suchens zusammen, die sich über das Fachstudium hinaus den drängenden Fragen der Allgemeinheit stellte. Doch äußerte sich diese kritische Wachsamkeit nur im kleinen Kreis. Enttäuschung und Erschöpfung verboten es, sich aktiv für diese Gemeinschaft und für dieses Vaterland einzusetzen, das in zwei Weltkriegen und in jahrzehntelangen ideologischen Auseinandersetzungen zerpflügt worden war. Und diese Haltung haben wir uns bis heute bewahrt.
Unsere Enttäuschung und unser Mißtrauen teilten sich aber auch denen mit, die nach uns kamen. So konnte Schelsky noch 1957 mit Recht, wenn auch nicht ohne Optimismus von der Jugend als einer “skeptischen Generation” sprechen. Sie erstrebe nichts weiter als einen möglichst schnellen Abschluß ihrer Ausbildung und die baldige Gelegenheit, Geld zu verdienen. Auf die Hochschule führe den jungen Menschen nicht der Drang, die Wahrheit zu erkennen, sondern die Absicht, ein gutes Fachexamen abzulegen. Frühere Generationen wußten beide Ziele durchaus miteinander zu verbinden.
Diese Periode der skeptischen Generation scheint jetzt abzuklingen. Jedenfalls ist das die Meinung der Soziologen und der Meinungsforscher. Aber auch Fernsehen, Rundfunk und Zeitungen berichten von lebhaften Engagements der Jugend, namentlich der Studenten, die viele von uns beunruhigen und schockieren. Zwar sind es nur zahlenmäßig geringe Gruppen, die den Ton abgeben. Sie fordern aktiv einen Anarchismus, der alles Bestehende in Frage stellt. Sie verfechten einen moralischen Rigorismus, der ohne jede Rücksicht alle politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten ablehnt. Ich glaube, daß wir dieser Erscheinung nicht dadurch gerecht werden, daß wir allen diesen jungen Menschen n u r die Freude an der Provokation als Motiv unterstellen. Gewiß ist das bei manchen der Fall. Aber die größere Zahl dieser Jungen ist besessen von der Vorstellung, die Welt müsse noch einmal von vorn beginnen. Nun, diese Vorstellung ist nicht neu, und daher wissen wir, daß sie eine Utopie ist. Unsere Welt mag so schlecht sein wie sie will, sie hat nun einmal nicht mehr die Chance der Stunde Null. Daher sind diese Vorstellungen utopisch, – und sie sind – namentlich wenn sie sich in Gesellschaft glauben mit mächtigen politischen Kräften unserer Welt – auch gefährlich. Unser Staat wäre nicht der erste, der an utopischen Vorstellungen zu Grunde ginge. Daher sind auch in einem freiheitlichen Staat einer solchen Opposition Grenzen gezogen. Sie liegen ganz sicher dort, wo nicht eine herrschende politische Richtung, sondern der Staat als solcher und damit die Gemeinschaft negiert und bekämpft wird. Daß ein demokratischer Staat sich im Interesse seiner Glieder gegen solche Bestrebungen wenden muß, spricht nicht gegen, sondern für ihn.
Wir sollten uns aber nicht täuschen: das Unbehagen an unserer Gesellschaftsordnung, an der “Hohlheit und Bequemlichkeit” unseres Daseins, erfaßt über diese zahlenmäßig nur kleinen anarchistischen Gruppen hinaus heute weite Teile unserer Jugend. Das sogen die Soziologen. Aber man kann es auch bestätigt finden, wenn man mit Professoren, Lehrern, mit Jugendleitern, Gewerkschaftlern und Unternehmern – oder noch besser – mit jungen Menschen selbst spricht. Man wirft uns, die wir jetzt dieser Staat tragen, vor, wir betrachteten ihn ja gar nicht als unseren Staat, sondern allenfalls als eine Institution, in deren Schutz wir unserem Gewinnstreben nachgehen könnten, unserer Sucht nach einem immer höheren Lebensstandard. Bei uns sei der jahrelang überstrapazierte Gemeinnutz umgeschlagen in eine hemmungslose Profitgier des einzelnen.
Ich meine, daß wir diese Kritik ernster nehmen müssen als die Erscheinungen in Berlin und an einigen anderen Hochschulen. Aber wie sollen wir uns zu ihr stellen?
Nach meiner Auffassung sollten wir uns zunächst einmal darüber freuen, daß die Jugend den Schock, den wir erlitten haben, überwunden hat, daß wieder eine Generation heranwächst, die kritisch zum Überkommenen in Staat und Gesellschaft steht, und die diese Kritik auch äußert. Es ist, so meine ich, nicht nur das Recht der Jugend, sondern es gehört zu ihrem Wesen, das Überlieferte kritisch zu würdigen. Jugend will die Welt verbessern, und kritisches Denken ist das Fundament jeden Fortschritts. Und auch frühere Generationen sind doch durchaus kritisch gewesen! Denken wir an die Jugend vor 1914; auch sie war geprägt durch die Rebellion gegen die ältere Generation, mögen auch die Ausdrucksformen ihres Protestes gemessener und abgewogener gewesen sein als heute. Auch damals distanzierte man sich scharf von den Verhaltensweisen der Erwachsenen, auch damals ging es gegen die Beschränkung allen Denkens auf den wirtschaftlichen Erfolg. Daneben richtete sich die Kritik dieser Jugend gegen die Diskrepanz zwischen wohlhabendem Bürgertum und dem damals noch herrschenden Elend in weiten Kreisen des Volkes, – und diese Jugend war es, die die sozialen Klassen in ihren eigenen Reihen überwand. Rebellion der Jugend hat es also auch zu anderen Zeiten gegeben, und ich meine, daß diese Unruhe und dies Unbehagen, die unsere Jugend befallen haben, an sich heilsam, ja notwendig sind. Diese engagierte Kritik sollte jedenfalls eines erreichen: uns nachdenklich zu machen. Ich glaube, daß die Jugend verlangen kann, daß wir uns ihrer Kritik stellen. Erreicht sie nicht einmal das, so wird ihre Kritik entweder zur Revolte werden, – oder aber auch die nächste Generation wird die Gemeinschaft negieren – und beides wäre allzu leicht das Ende einer auf Freiheit gegründeten Ordnung.
Die Kritik der Jugend gegen das “Establishment”, gegen die Unredlichkeit unseres Lebens und unserer Gesellschaftsordnung ist umfassend. Lassen Sie mich nur einige wenige Gesichtspunkte herausgreifen.
Gegen die Schule wird der Vorwurf erhoben, daß die Schilderungen unseres Gemeinwesens, wie sie in der Gemeinschaftskunde erfolgen, unredlich seien. Es werde ein Bild von einem Idealstaat entworfen, überschaubar, rein und harmonisch. Ich kann das aus eigener Anschauung bestätigen. Nun haben wir aber nirgendwo in der Welt einen solchen idealen Staat. Auch bei uns ziehen die Glieder des Staates keineswegs an einem Strang, sondern ihre Interessen sind verschieden, und ein Ausgleich dieser Interessen ist nur möglich auf Kosten anderer Gruppierungen. Jeder, der das politische Leben mitgestaltet, weiß, daß vor allem im außerparlamentarischen Bereich und im sogenannten vorparlamentarischen Raum Differenzen und oft harte Kämpfe zwischen den Mächtegruppen ausgetragen werden. Der Jugendliche erfährt das in der Schule im allgemeinen nicht; er weiß nicht, daß auch er Mitglied einer dieser rivalisierenden Gruppen ist. Er kennt nur das Idyll einer Gesellschaft, die scheinbar identische Interessen und identische Möglichkeiten hat. Schaut er dann einmal die Wirklichkeit, so ist er ernüchtert, und auch der an sich engagierte Jugendliche wendet sich dann ab und Bereichen zu, die er zu überschauen und zu beherrschen vermag: seinem Arbeitsplatz und seiner Freizeitwelt.
Nun, dieser Kritik wird man noch recht leicht begegnen können, indem man die vielfältigen Möglichkeiten der Schule nutzt und der Jugend ein ehrlicheres, wirklichkeitsnäheres Bild unserer Gemeinschaft zeichnet, übrigens nicht etwa nur eine Forderung an das Unterrichtsfach Gemeinschaftskunde.
Sehr viel schwerer aber trifft die Kritik unser öffentliches Leben als solches. Es wird hingewiesen auf die großen Diskrepanzen, die zwischen der Staatspraxis bestehen und zwischen den hohen Zielen, die dem Staat nach unserer Verfassung gesetzt sind. Und in der Tat: besteht nicht ein Widerspruch zwischen dem Postulat, die Würde des Menschen sei unantastbar, sie zu schützen und zu achten sei Aufgabe aller staatlichen Gewalt, und der praktischen Politik mit ihrer fast ausschließlichen Kultivierung des homo oeconomicus? Hätten wir es nicht oft nötig, uns für die Achtung der Menschenwürde einzusetzen, die immer und immer wieder gefährdet wird, sei es durch eine ungehemmte Ausnutzung von Rechtspositionen, zuweilen durch ein übertriebenes Informationsbedürfnis, auch durch neue technische Möglichkeiten? Ist es richtig, daß unsere Politik sich ganz überwiegend mit wirtschaftlichen Fragen befaßt, – wird hier nicht der Bürger zum Konsumenten? Ich meine, daß eine Besinnung auf die Grundlagen unserer Gemeinschaft wahrhaft not tut.
Unser Staat ist ein föderalistischer Staat. Dadurch soll der Mannigfaltigkeit der deutschen Stämme, ihrer landsmannschaftlichen Verbundenheit und ihren Traditionen Rechnung getragen werden, – ganz sicher ein berechtigtes Anliegen. Daneben soll der föderative Aufbau einen Machtmißbrauch der Zentralgewalt erschweren, – und auch das ist sicherlich im Prinzip richtig. Aber wenn man die Praxis dieses Föderalismus erlebt, muß man am Prinzip verzweifeln. Wie oft steckt hinter dem in föderativer Überzeugung vorgebrachten Begehren eines Landes gar nicht eine abweichende sachliche Auffassung, sondern purer Ehrgeiz und das Bemühen, seinen Entwurf “durchzubringen”. Und verlangen unsere Traditionen denn wirklich, daß wir in den Ländern der Bundesrepublik so viele Schulsysteme haben, daß selbst Kenner deren Zahl nicht einmal annähernd nennen können?
Es entspricht dem sozialen Auftrag unseres Staates, daß er Härten ausgleichen muß, die einzelne Gruppen infolge veränderter technischer Grundlagen, geänderte Marktchancen und aus anderen Gründen treffen. Gegen staatliche Subventionen als solche ist daher nichts zu sagen, – sie werden stets ein Mittel der Politik bleiben müssen. Aber muß denn aus Subventionen gleich ein gesicherter Besitzstand werden, in den niemand mehr einzugreifen wagt?
Eine der Grundlagen unseres freiheitlichen Staates ist das Eigentum; als Grundrecht genießt es den besonderen Schutz unserer Verfassung. Die Praxis aber, in der wir in der Bundesrepublik dieses Eigentum handhaben, vor allem das Eigentum an Grund und Boden, ist einmalig. Wir sehen es als ausschließlich subjektives Herrschaftsrecht, und wir übersehen die sozialen Bindungen, in denen das Eigentum verflochten ist.
Daß Eigentum verpflichtet, daß sein Gebrauch zugleich dem Nutzen der Allgemeinheit dienen soll, wie es im Grundgesetz heißt, ist weithin nur noch eine leere Floskel. Kenner sind sich darüber einig, daß diese Praxis das Institut des Grundeigentums als solches in Gefahr bringt, – und was dann?
Ich sagte schon, daß unser Staat, daß auch die kommunale Selbstverwaltung schwer zu übersehende und komplizierte Gebilde sind. Das ist zu einem großen Teil nicht zu ändern. Aber warum machen wir nicht einmal den ersthaften (sic) Versuch, unsere Verwaltung zu modernisieren, sie aus einem überalterten Schema zu lösen, sie leistungsfähiger und damit wirtschaftlicher zu machen? Unser Land unternimmt gegenwärtig einen Anlauf zu einer solchen Reform, die in der Öffentlichkeit jeder für notwendig hält, solange er sich nicht selbst von ihr betroffen wähnt.
Ganz unabhängig davon sollte sich auch die öffentliche Verwaltung um mehr Publizität, mehr Offenkundigkeit in ihrem Handeln bemühen. Wir sollen uns doch nicht über mangelndes Interesse unserer Bürger beklagen, solange sich unsere Sitzungen auf die Genehmigung von nicht veröffentlichten Ausschußprotokollen beschränken und daher selbst für den Eingeweihten kaum verständlich sind.
Das sind nur wenige Ansatzpunkte, an denen sich die Kritik der Jugend entzündet. Aber sie sagt noch mehr! Sie behauptet, bei uns verwalteten immer noch politische Patriarchen die Politik. Nun, wir wissen, daß es sich bei diesen Männern um solche mit großen Verdiensten handelt, wir wissen auch, daß man gerade in der Politik Weisheit und Erfahrung nicht missen kann. Aber man könnte sich auch in der Politik wie in anderen Bereichen unseres Lebens der Weisheit und Erfahrung auf andere Weise versichern, als daß man aus Verlegenheit diese Männer immer und immer wieder und zuweilen gegen deren Willen in ihre Ämter beruft. Und mit gleichem Unbehagen begegnet der junge Mensch schließlich jenen Routiniers, denen es nur darum geht, keine Beunruhigung des politischen Gleichgewichts aufkommen zu lassen. Er fühlt die Unredlichkeit eines solchen Verhaltens, er glaubt sich selbst überspielt und den Raffinessen des politischen Taktikers nicht gewachsen. Er kommt in seinem jugendlichen Denken sehr schnell zu Verallgemeinerungen und zieht trotz manchmal lebhaften Interesses den Schluß, daß ihm eine aussichtsreich erscheinende Mitwirkung im politischen Raum versagt sei.
Man sollte nachdenken über diese kritischen Äußerungen unserer Jugend. Und die dazu berufenen politischen Stellen sollten ändern, wo es not tut. Gewiß ist politische Jugenderziehung eine Voraussetzung guter Politik, noch wichtiger aber sind in ihrer erzieherischen Bedeutung die politischen Handlungen selbst. Deshalb müssen alle Bemühungen um eine politische Erziehung scheitern, wenn nicht die Politiker sich stets auch der erzieherischen Wirkungen bewußt sind, die im Guten wie im Schlechten von ihrem Handeln ausgehen.
Zuletzt, aber eigentlich zuallererst wendet sich die Kritik der Jugend aber an uns, an jeden einzelnen von uns Erwachsenen. Und hier müßte jeder von uns sich selbst prüfen. Geht es uns immer nur um die Vermehrung des Wohlstandes und um die Verbesserung des Lebensstandards? Kennen wir keine anderen Ziele, keine anderen Richtpunkte für unser Leben? Ist für uns unser Staat nur eine lästige Instanz, die über die Steuern an unseren finanziellen Erfolgen partizipiert? Und stehen wir dem Staat daneben wirklich nur als Konsumenten von Staatsleistungen und als Nutzer seiner Einrichtungen gegenüber? Das sind Fragen, die in einer Jugenddiskussion vor kurzem formuliert wurden. Wissen wir darauf eine Antwort? Und wenn wir diese Vorwürfe für uns zurückweisen, – warum kümmern wir uns dann nicht mehr um diese Gemeinschaft? Wir sollten uns doch klar darüber sein, daß es in unserem Staat vielfältige Möglichkeiten gibt, Gemeinsinn zu betätigen. Es geht doch gar nicht allein um parteipolitische Aktivitäten, sondern um unterschiedlichste Engagements im sozialen wie karitativen, im kulturellen wie berufständischen Bereich. Haben wir auch hier noch Entschuldigungen für unsere Zurückhaltung bei der Hand?
Wir sehen also, daß Kritik und Unbehagen an unserer Gesellschaft, die die Jugend heute äußert, jedenfalls zum Nachdenken und zu ernster Prüfung zwingen. Wir müssen dieses kritische Engagement ernst nehmen. Unsere Jugend ist in weisen Bereichen auf dem Wege, sich im Sinne Arndts um das Gemeinwohl zu kümmern, – versperren wir ihr diesen Weg nicht! Eine nur oberflächliche Behandlung ihrer ernsten Anliegen müßte bei der Jugend zur Revolte oder zur Resignation führen, – und von dort wäre es nur noch ein Schritt, bis unser Staat von der Herrschaft alle zu einer Herrschaft einzelner, von der Demokratie zur Oligarchie würde, – und das wäre dann wieder ein Schritt zurück bis in die Zeiten Arndts.
Lassen Sie mich am Schlusse meiner Ausführungen unserer Schule noch einige gute Wünsche auf den Weg geben. Es sind nur drei, – und vielleicht darf ich sie wie meinen Dank zu Anfang in unser aller Namen sprechen. Ich wünsche zunächst, daß in unserer Schule stets eine frohe Jugend heranwächst. Ich wünsche sodann, daß diese Jugend in unserer Schule auf Lehrer trifft, die ihren Beruf aus einem Geist gewählt haben, den vielleicht am besten ein asiatisches Sprichwort verkörpert. Es lautet: “Planst Du für ein Jahr, so pflanze eine Blume. Planst Du für ein Jahrzehnt, so ziehe einen Baum. Planst Du aber für ein Leben, so bilde und erziehe Menschen.”
Möge also die Jugend auf Lehrer treffen, von denen möglichst viele ihren Beruf als Berufung empfinden! Und ein letzter Wunsch: möge in den kommenden Jahrzehnten, möge im kommenden Jahrhundert in dieser unserer Schule niemals verboten sein, eines auszusprechen und eines zu lehren: die Wahrheit.
(Dr. iur. Karl Ahrens, Hannover)

eingescannt aus dem Manuskript, das OStR i.R. Günter Auding uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat; h.b-w.

 

 


die alte aula unserer schule (zerstört 10. August 1942)

 

 

Wenn am 28. Oktober dieses Jahres die Wiederkehr des Tages gefeiert wird, an dem Bürgermeister Johannes Miquel vor 100 Jahren unsere Schule, die damalige Realschule, eröffnete, dann werden viele „Ehemalige” das alte Gebäude an der Lotterstraße aufsuchen und, soweit sie Altschüler aus der Zeit vor 1945 sind, wird vor dem geistigen Auge des einen oder anderen auch das Bild der alten Aula wieder erstehen, dieses gleichsam altdeutschen, mit Gemälden und Porträts reich geschmückten Feierraums der Schule. Auch in meiner Erinnerung, der ich im April 1932 zusammen mit Herrn Schriever (in Osnabrück im Ruhestand lebend) von dem damaligen Direktor Wendland dort eingeführt, d. h. dem Schülerpublikum vorgestellt wurde, bleibt das Bild dieser Aula lebendig. Infolge seiner Historienbilder stellte dieser Raum damals etwas Besonderes in Osnabrück dar.
In dieser alten Aula waren die schmalen Sitzbänke in Richtung Hegertor nach Osten zu angeordnet. Abgesehen von der Gefallenen-Gedenktafel 1914/18 war im übrigen die Ausstattung seit 1880 gewiß unverändert geblieben.*) Beim Eintritt ging der Blick unwillkürlich nach rechts. Hier hatte ein sonst unbekannter Historienmaler, Leonard Gay, in einem die ganze Wand bedeckenden Gemälde ein geschichtliches Ereignis im wahrsten Sinne des Wortes „aufgeräumt”: Die Verkündigung des Westfälischen Friedens 1648 vor dem Rathaus zu Osnabrück! Vor der Freitreppe, überall ein Getümmel von Menschen, Fanfarenbläser, ein Kirchenchor, wehende Fahnen und in der Mitte vor dem Portal der Ratsherr, der die Friedensbotschaft wie eine Pergamenturkunde in der Hand schwenkte. – Wie viele Schülergenerationen haben dieses Kolossalgemälde im Laufe ihrer Schulzeit betrachtet! Immer wieder las man den in einem Schildchen angebrachten Vers von Paul Gerhardt:
„Gott lob! nun ist erschollen Das edle Fried- und Freudenwort”, studierte man die Figuren dieser sich vor Freuden umarmenden Männer und Frauen, hörte man im Geiste die Stadtmusikanten auf dem Umgang des Marienkirchturms musizieren, der rechts im Bilde gerade noch angedeutet war.- Auf der rechten Längswand der Aula gab es weitere erregende Szenen im Bilde zu sehen: Die Taufe Widukinds, und schließlich: Die Varusschlacht im Teutoburgerwalde. Auch diese beiden Themen waren außerordentlich dramatisch vorgeführt. Welchen Eindruck diese Aula und diese Bilder auf einen Schülerneuling machten, das ist ergötzlich in dem Aufsatz von Werner Wildhage in der Jubiläumsschrift nachzulesen. Auch zu meiner Zeit knackten die Aulatüren so sinnig, wenn der Hausmeister Herr Bühling sie schloß und die Orgel, gespielt von Herrn Weinberg, bereits ihre Klänge ertönen ließ.
Diese Orgel stand an der Stelle des heutigen Podiums, ihr Gehäuse ragte etwa zwei Meter in den Raum hinein, so daß sich auf der linken Seite – rechts saß der Spieler – eine dunkle Nische ergab. In ihr hockten, wie W. Wildhage anschaulich berichtet, während der morgendlichen Andacht gewisse Mogler und Faulenzer, um schnell noch eine Schulaufgabe aus dem Heft eines anderen „abzupinnen”. Deckung von vorn wurde gerne gegeben.
Die ganze Herrlichkeit der Aula, die Gemälde, die Orgel, die Balkendecke gingen im Feuersturm des 10. August 1942 unter. Das Gebäude blieb nach dem Wiederaufbau äußerlich im wesentlichen unverändert. Die wilde Üppigkeit von blühenden Büschen und Bäumen, Goldregen, Flieder, Kastanien, die früher über die Mauer und das Gitter bis auf den Gehsteig hingen, hat einer schlichteren Bepflanzung Platz gemacht. Als ich das Gebäude im Jahre 1932 zum ersten Male in seiner Klotzigkeit sah, war ich entsetzt. Als ich nach 35 Jahren Abschied nahm, wurde mir die Trennung von dieser Stätte schwer.

Dr. Walter Kaufmann

*) Es gibt Formen, die man nicht verändern kann (Anm. der Red.)

Quelle: “neue realität” Nr. 30/Herbst 1967

 

Das Aulagemälde “Die Verkündigung des Westfälischen Friedens” (zerstört 1942)

Der Spruch unter dem Bild lautet (so erinnert sich ein Ehemaliger, Abitur während des Krieges):
“Gottlob nun ist erschollen
das edle Fried- und Freudenwort,
dass endlich ruhen sollen
die Spieß’ und Schwerter und ihr Mord.”

Über dem Redner steht auf einem Band:
“PAX OPTIMA RERUM” – Friede ist das Beste von allen Dinge

 

(eingescannt aus: Walter Kaufmann (Hrsg.), 100 Jahre Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium, vormals Realgymnasium. Geschichtliche Ausschnitte, Bilder, Dokumente. Osnabrück 1967, vor S. 73

 

 

Die “Osnabrücker Nachrichten” haben dieses Bild am 14. Mai 2008 in Farbe abgedruckt.

Zum Jubiläum

Wenn diese Ausgabe der „Neuen Realität” erscheint, sind die Festtage anläßlich des 100jährigen Jubiläums des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums vorüber. Sie gaben Anlaß, nachzudenken über den Weg, den unsere Schule als Organismus durchmessen hat, wieder einmal die Altschüler in größerer Zahl zusammenzuführen und durch Ausstellungen, Laienspiel und musikalische Darbietungen Eltern und Öffentlichkeit einen Einblick in die Arbeit der Schule auf einigen Gebieten zu geben.
Viel Arbeit war dazu zu tun. So haben wir jetzt allen denen zu danken, die viele Monate lang ihre Freizeit opferten, um das Werk gelingen zu lassen. Es wären viele Namen zu nennen.
Die Gestaltung unserer Festschrift „100 Jahre Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium, vormals Realgymnasium” verdanken wir Herrn Oberstudienrat i. R. Dr. Walter Kaufmann, der von 1932 bis 1966 dem Kollegium angehörte. Er schrieb auch den Hauptbeitrag, in welchem die Ergebnisse seines sorgfältigen Quellenstudiums der Geschichte unserer Schule niedergelegt sind.
Über die Gefallenen des I. Weltkrieges existiert heute eine ausführliche Kartei, die in jahrelanger Forschungsarbeit von Herrn Karl Fricke angefertigt wurde. Verleger der Festschrift und Berater war Herr H. Th. Wenner, der mehrere Jahre Vorsitzender unserer Elternschaft war. Ihnen und den Verfassern der anderen Aufsätze und Übersichten gebührt unser herzlichster Dank. Fast tausend Subskribenten ermöglichten die Herausgabe des schönen Werkes.

Ein beglückendes Erlebnis war es, zu erfahren, wie viele Ehemalige sich ihrer alten Schule verbunden fühlen und von weither gekommen waren, um wieder einmal mit den Klassenkameraden einige Stunden zu verbringen. Die Zahl der Anmeldungen für den Festball im Kasino in Georgsmarienhütte war so groß, daß es unmöglich war, die Schüler der Oberstufe hierzu einzuladen. So soll nun für die Klassen 10 bis 13 und die Eltern unserer Schüler ein Festabend am 17. November in der Schloßgartengaststätte stattfinden. Für die Unter- und Mittelstufe wird das Jubiläumsschulfest im Mai gefeiert werden.
Dank schulden wir auch den Rednern bei den Veranstaltungen, Dank denen, die die Ausstellungen aufbauten, Dank den Schülern und Lehrern, die für die musikalische Umrahmung sorgten, Dank vor allem auch Herrn Oberstudienrat Lange und seinen Spielern, die die Aufführung des Werkes von Forster „Robinson soll nicht sterben” vorbereiteten. Ein so großes Vorhaben konnte nur gelingen, weil alle Mitglieder des Kollegiums und alle Schüler und viele Altschüler bereit waren, sich dafür einzusetzen. Manche Unterrichtsstunde und viele Stunden der Freizeit mußten geopfert werden. Aber ich glaube, es hat sich gelohnt.
Die kommende Zeit bringt nun wieder die alltägliche Arbeit. Wir wollen sie mit Freude und Eifer aufnehmen.

Kähler, Oberstudiendirekto

aus: “neue realität” Nr. 30/Herbst 1967

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