Sylvester, Gert

Fächer: Mathematik / Physik

Fachleiter für Mathematik am Staatlichen Studienseminar Osnabrück
Zum 1. August 1993 in den Ruhestand getreten; am 20.12.2013 in seinem 83. Lebensjahr verstorben


Wir trauern um Gert Sylvester

„Ich habe nicht nur das Universum in mir. Ich habe viele Universen in mir.“
(Gert Sylvester, Lehrer für Mathematik und Physik am EMA und Fachleiter Mathematik am Staatlichen Studienseminar *5. Mai 1930 † 20.12.2013)

1930 wurde Gert Sylvester in Köslin (heute: Koszalin) in Hinterpommern geboren. Sein Vater war Lehrer in einer kleinen Dorfschule, als Junge spielte er am See oder an der Ostsee. Oft kam ein Fischer und brachte Hering – bis zum Überdruss; später konnte man ihm mit Fisch keinen Gefallen mehr tun. Es war schon Krieg, als Gert nach Kolberg aufs Gymnasium geschickt wurde. Als 1945 Hitlers Krieg nach Deutschland (zurück)kam und die Rote Armee auf Pommern vorrückte, bekamen auch die Jungs einen Karabiner in die Hand gedrückt und wurden an die Front geschickt – Gert Sylvester war da noch keine 15 Jahre, eben erst konfirmiert. Und sehr bald musste die Familie fliehen, über die Ostsee nach Dänemark, wo sie nach Kriegsende zunächst interniert, dann nach Deutschland geschickt wurden. Am Ende kamen sie im Flüchtlingslager Hesepe bei Bramsche unter. So kam er ins Osnabrücker Land.
Seine gymnasiale Ausbildung setzte er an der Staatlichen Oberschule für Jungen, Osnabrück, Lotter Str. 6 – später Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium – fort und bestand 1951 die Abiturprüfung. Nach Studium und Referendariat – wiederum an unserem Gymnasium – unterrichtete er in Lüneburg und kam 1968 zurück nach Osnabrück ans EMA.
Tief beeindruckt hat mich, wie er mit dem Schmerz, seine geliebte Heimat Pommern verloren zu haben, umgegangen ist. Er hat in Diskussionen, in denen es um Recht und Unrecht der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten ging, immer vertreten, dass man gefälligst Ursache und Wirkung nicht zu vertauschen habe: „Erst waren 1939 und 1941, der deutsche Überfall auf Polen und die Sowjetunion, dann erst 1945. Die Ursache ist der Krieg, der aus Deutschland kam. Das erklärt vieles, entschuldigt aber nichts.“ Um hier Ursache und Wirkung zu erkennen, müsse man nicht Physiker sein. Dann wieder fühlte er sich zutiefst verletzt, als er von Bestrebungen in der EU hören musste, wonach die Geburtsorte auf den aktuellen Namen – bei ihm also von Köslin auf Koszalin – umgestellt werden sollten. Er meinte, das fühle sich an, als sollte er ein zweites Mal vertrieben werden.
Dies alles mag den Sinn für Gerechtigkeit beschreiben, der Sylvester auszeichnete. Er vermochte zwischen seiner Person und der Sache, um die es ging, präzise zu trennen. Wenn er seinen Gerechtigkeitssinn verletzt sah oder wenn er jemanden unfair behandelt sah, sprang er für Kollegen oder Schüler oder „seine“ Referendare in die Bresche. Einer Diskussion ging er eben nicht aus dem Weg, auch nicht mit Vorgesetzten, sei es der Schulleiter, sei es der Dezernent.
Als Kollegen habe ich ihn schätzen gelernt, integer, eine fachliche wie persönliche Autorität, souverän, mit geschliffenen Umgangsformen, immer ein helfender Ratgeber, der sich gerade um die Neuen im Kollegium kümmerte. Und unvergessen ist sein trockener, manchmal ganz überraschend daherkommender, nie verletzender, treffender Witz. Als Ende der 90er Jahre die Landesregierung beschloss, die Todesanzeigen verstorbener Bediensteter nicht mehr zu bezahlen, empörte ihn das über die Maßen: Das sei ausgesprochen schäbig und unschicklich, immerhin habe auch manch ein kleiner Handwerksbetrieb noch 30 Jahre später einen Nachruf platziert. Sein Nachsatz: „Wenn mein Dienstherr mich so wenig achtet, dann will ich nicht sterben.“
Ein ehemaliger Schüler schreibt: „Haften geblieben ist sein souveränes Auftreten; er war keiner, der samt seiner Fächerkombi Angst und Schrecken verbreitete. Autorität hatte er dennoch. Außerdem gehörte er zu den besser gekleideten Pädagogen, sofern die Erinnerung nicht trügt. Gert Sylvester war der Gentleman mit dem Halstuch.“
Dem EMA blieb er zeitlebens verbunden, brachte nach seiner Versetzung in den Ruhestand im Sommer 1993 etliche Jahre zu seinem Geburtstag am 5. Mai Kuchen ins Lehrerzimmer (und hielt ein nettes Schwätzchen). Und am Morgen des 6. 12. waren unsere drei Tische im Lehrerzimmer adventlich geschmückt und mit allerhand Süßigkeiten belegt. Ein Zettel mit seiner markanten Handschrift klärte auf: „Der Nikolaus war da.“ Bis zuletzt ließ er sich bei privaten Treffen ausführlich vom EMA erzählen, und er regte an, doch ab und an den Erlös unseres Doppelkopfspiels für die Schülervertretung zu spenden. – Der Abiturjahrgang 2011 hatte natürlich auch Gert Sylvester als Jubilar – Abitur 1951 – zur Entlassungsfeier eingeladen. Da konnte er aber leider nicht erscheinen, weil er schwer krank war. Als er sich erholt hatte, haben wir uns noch etliche Male zum Kartenspielen und zum Essen getroffen. 2013 kam die Krankheit dann doch zurück, und kurz vor Weihnachten erlag er ihr.
Gert Sylvester hat das Leben genossen. Er liebte seine Familie, das Reisen, gutes Essen, den Gedankenaustausch, das Kartenspiel, er liebte die Schüler und seinen Beruf, und er pflegte Freundschaften über Jahrzehnte.
Schade, dass Du nicht mehr bei uns bist, Gert.

Helmut Brammer-Willenbrock

Die Zeitschrift „neue realität“ pflegte neu ins Kollegium eingetretenen Lehrkräften Gelegenheit zu geben, sich der Schulgemeinschjaft vorzustellen:

wechsel im lehrerkollegium

Seit dem Beginn des Schuljahres 1968/69 haben wir drei neue Lehrer an unserer Schule. Sie werden wohl den wenigsten von uns schon bekannt sein, hat man sie doch höchstens gelegentlich im Schulgebäude gesehen. Hier ein kleiner „Steckbrief“ dieser bei uns neuen Lehrer. Herr Studienrat Sylvester ist 38 Jahre alt und erteilt Unterricht in Mathematik und Physik. Als Referendar wurde er an unserer Schule ausgebildet. Am 1. Oktober 1961, nach Ablegung des 2. Staatsexamens, wurde er als Assessor an die Herder-Schule in Lüneburg versetzt. Seine nächste Station war die Pädagogische Hochschule in Osnabrück. Am 24. Oktober 1964 wurde er zum Studienrat ernannt. Auf eigenen Wunsch wurde er schließlich wieder an unser Gymnasium versetzt.

Quelle: „neue realität“, Heft 33/Dezember ’68, S. 3