Abiturjahrgang 1985

Birgit Albersmeier; Sabine Aringsmann; Astrid Baering; Nathalie Beckmann; Jürgen Bernroth; Martina Bock; Bettina Bollen; Holger Brink; Jens Burger; Arno Domack; Marina Dreschner; Bettina Elfring; Gisela Feldmann; Melanie Gatzsch; Miriam Gatzsch; Antje Gersmeyer; Edith Grave; Andreas Grunwald; Alexander Güntner; Emma Haker; Stephan Haskamp; Christian Heidenreich; Thorsten Heider; Ralf Herzberg; lsabel Hesse; Peter Höfert; Bettina Hoppe; Lina Hornstein; Stefan Hülsmann; Oliver Hullmann; Anke Hunziger; Holger Janning; Ralf Kanther; Petra Manara; Anne Marggraf; Wolfgang von der Mark; Torsten Meins; Andreas Meyer; Maha al Mutawaly; Martin Nagel; Thorsten Oeste; Kerstin Otte; Markus Otte; Uta Paehlke; Thorsten Peistrup; Karsten Pfannenschmidt; Burkhard Quermann; Ines Rademacher; Ute Recker; Walter Reichert; Michael Rejmanski; Martin Kischkoweit; Axel Klaukin; Ulrike Klein; Heidi Knapp; Claudia Knispel; Petra Körber; Michael Kösters; Thorsten Kollmann; Carsten Külich; Uwe Lahrmann; Katja Lenk; Andrea Liedtke; Andrea Luther; Heike Lytze; Karin Mahl; Oliver Riesenpatt; Kerstin Robbe; Jens Rullmann; Irene Sandt; Gerald Saremba; Dirk Sauthoff; Jutta Scherler; Ralf Schmidt; Axel Schröder; Markus Schulenberg; Udo Siller; Volker Steinigeweg; Bettina Träger; Bettina Tusche; Peter Uhlenbaum; Hayna Volke; Christiane Volkmer; Axel Weber; Martina Wellmann; Peter Winter; Peter Wolf

eingescannt aus: ABI-Kalypse ‘85; Zeitung des Abiturjahrgangs 1985

Rede für den Abiturjahrgang: Markus Otte und Thorsten OesteRede für die Schule: Willi Robel

Rede für die Abiturentia: Markus Otte und Thorsten Oeste

Liebe Abiturienten, liebe Eltern, liebe Lehrer, liebe Ehemalige!

Die Leitung des E.-M.-A.-Gymnasiums hat mich gebeten, anläßlich der Entlassung des Jahrgangs 2010 als Ehemaliger des Abiturjahrgangs 1985, heute eine Rede zu halten.

Wir haben uns hier versammelt, um mit den Abiturienten den Schritt von der Schule ins Leben zu feiern. Ich weiß nicht, welche Erinnerungen die Abiturienten dieses Jahrgangs von ihrer Schulzeit behalten werden, denke ich aber an meine Zeit an diesem Institut zurück, so fällt nur folgendes ein: Zuerst die Lehrer. Der Gedanke an die damalige Lehrerschaft lockt mir noch heute so manches Schmunzeln hervor. Da war zum Beispiel der Geschichtslehrer, der nach den Osterferien plötzlich einen Vollbart trug, weil sein altersschwacher Rasierapparat endgültig kapituliert hatte. Oder der Mathematik- und Physik-Lehrer, der seinen Schülern neben unendlich vielen Definitionen auch seine wertvolle Lebensphilosophie mit auf den Weg gab.
Eine der prägnantesten Lehrerfiguren kam aus dem Reich der organischen und anorganischen Verbindungen. Das Hauptaugenmerk seiner unermüdlichen Forschungsarbeiten lag auf dem Gebiet der primären Alkohole. Auch seine Beiträge zur Erweiterung des Freizeitangebotes wurden von den Oberstufenschülern begeistert aufgenommen. Hier wurde den Schülern Gelegenheit gegeben, außerhalb des Unterrichts wertvolle Erfahrungen für das Leben zu sammeln. Außerdem wimmelte es von urigen Schülertypen, die wesentlich zur Auflockerung des Unterrichts und zur allgemeinen Erheiterung beitrugen. Neben dem vielen Spaß, den wir damals hatten, herrschte auch eine gute Kameradschaft, die auf zahlreichen Kurstreffen und den unvergessenen Klassenfahrten bestärkt wurde. Nach dreizehn Jahren mehr oder weniger emsigen Lernens standen wir endlich an der Schwelle zum Leben. Überglücklich die Bildungsbarriere „Abitur“ übersprungen zu haben, konnten wir es kaum erwarten, die Gestaltung unserer glänzenden Zukunft in Angriff zu nehmen.

Vielleicht sind dies meine Erinnerungen, die ich in 25 Jahren noch an meine Schulzeit haben werde. Heute sehe ich das noch ein wenig anders:
Das Verhältnis zu den Lehrern war keineswegs immer ungetrübt. Besonders in der Mittelstufe konnten die Lehrer mit ihrer Autorität den Schülern große Angst einflößen. Als Schüler mußte man darauf gefaßt sein, durch Fehlverhalten oder falsches Antworten, den Zorn des Lehrers hervorzurufen, der nicht selten in Schreikrämpfen entladen wurde, die einem Tobsuchtsanfall bedenklich nahe kamen. Die Angst vor solchen Wutausbrüchen führte zu einer Verkrampfung, die der Lernfähigkeit eher abträglich war, als daß sie den Schüler zu größerer Leistung animierte. Bei einigen Schülern entstand eine starke Abneigung gegen manche Lehrer, die die Erinnerung an die Schulzeit trübt. Neben den eben erwähnten Lehrern, bei denen man immer damit rechnen mußte, daß der Unterricht zu einer Art „Horror-Trip“ geriet, gab es noch jene, deren Unterweisungen die Schüler sanft ins Reich der Träume führte. Positiv erinnere ich mich allerdings an eine Randgruppe des Lehrkörpers, die es verstand, den Unterricht durchweg interessant zu gestalten.

Nach glücklich überstandener Mittelstufe fand sich der Schüler plötzlich im bürokratischen Labyrinth des Kurssystems wieder. Die Beschaffenheit dieses Systems ließ den Kandidaten der Sekundarstufe II daran zweifeln, ob die für das Abitur zu erbringende Leistung nun darin besteht, die gesteckten Unterrichtsziele zu erreichen, oder vielmehr bei der Navigation durch das Meer von Verordnungen und Belegungsverpflichtungen keinen Schiffbruch zu erleiden. Ein positiver Aspekt dieses Systems ist wohl, daß der Schüler durch die Wahl der Kurse die Möglichkeit hat, einen Schwerpunkt auf die Fächer zu legen, die ihn besonders interessieren.
Trotz, oder gerade wegen dieser Widrigkeiten entwickelte sich in der Mittelstufe eine gute Kameradschaft unter den Schülern. Bedauerlicherweise litt sie in des Maße, indem den Schülern die Notwendigkeit von guten Noten für ein berufliches Vorwärtskommen deutlich gemacht wurde. Folge dieser „Bewußtseinserweiterung“ waren einerseits die Anbiederung einiger Schüler bei ihren Lehrern, in der Hoffnung auf bessere Zensuren, und andererseits eine an Hysterie grenzende Besorgnis um das gute Abschnellen bei Klausuren und anderen Prüfungen. Einige wenige engagierten sich auch außerhalb der regulären Schulzeit für Arbeitsgemeinschaften und Interessenvertretung,

Zwischen dem dritten und dem vierten Semester lag ein Termin, der selbst dem schläfrigsten Schüler nicht entgangen sein dürfte: das schriftliche Abitur. Mittels diesen nach genau festgelegten und peinlichst eingehaltenen Ritualen alljährlich ablaufender Prozedur soll der Schüler mit drei Prüfungen innerhalb eines kurzen Zeitraums seine sittliche und intellektuelle Reife unter Beweis stellen. Diese Prüfung wird vier Monate später auf dem Wege der mündlichen Kommunikation vervollständigt. Der Umfang der mündlichen Abiturprüfung wird maßgeblich durch die Ergebnisse im schriftlichen Teil beinflußt. Da die Meisten den Sinn von dreizehn Schuljahren im Bestehen dieser Prüfung sehen, werden ungeheure Energien freigesetzt, um eine optimale Vorbereitung zu gewährleisten. Diese Energieleistung geht einher mit einer unnatürlich großen Produktion an Streßhormonen, was zur Folge hat, daß das psychische Gerüst des Schülers in der Zeit vor der Prüfung statische Mängel aufweist. Nach dieser hart an die Grenzen der Belastbarkeit führenden Prüfung ist plötzlich sämtlicher Elan des Schülers verpufft. Das darauf folgende vierte Semester zeichnet sich durch folgende Schizophrenie aus:
das absolute Motivationsminimum steht im Gegensatz zu der enormen Wichtigkeit, die die Ergebnisse des letzten Kurshalbjahres für die Zulassung zum Abitur haben. So kann es durchaus passieren, daß ein Schüler trotz glänzend absolvierter schriftlicher Prüfung das Abitur nicht besteht. Die sittliche Reife besteht wahrscheinlich darin, auch im vierten Semester noch soviel Leistung zu zeigen, daß der gefürchtete sechste Kurs unter 5 Punkten nicht zustande kommt.
Hält der ehemalige Schüler nun endlich sein Abiturzeugnis in den Händen, wird er sich – sobald er nach der berauschenden Ballnacht im Hohenzollern ausgeschlafen hat – fragen, was in aller Welt er in nächster Zukunft zu tun gedenkt. Theoretisch stehen den Abiturienten sämtliche Ausbildungsmöglichkeiten offen. Tatsächlich sieht es aber anders aus, denn nicht für jede Ausbildung sind die entsprechenden Stellen auf dem Arbeitsmarkt vorhanden.

Dass der allen bekannte, wenn auch aus einer anderen Perspektive vertraute, Lehrerberuf nicht mehr der siedendheiße Geheimtip ist, hat sich so langsam herumgesprochen. Aber auch andere Studiengänge werden neben Neigung und Fähigkeit, die man für das jeweilige Fach hat, verstärkt nach der Wahrscheinlichkeit einer aussichtsreichen Jobsuche bewertet. Allerdings Zählen viele der beliebtesten Fächer gleichzeitig zu den aussichtslosesten. Dies hat zur Folge, daß sich immer mehr Abiturienten zu einem Studium ihrer Neigung entschließen, obwohl die schlechten Beschäftigungsmöglichkeiten bekannt sind. Schließlich ist es nicht jedermanns Sache Elektrotechnik oder Maschinenbau zu studieren. Aus diesen Gründen ist es eine echte Alternative, nach der Schule eine Lehre zu beginnen. Will man aber seine berufliche Karriere auf dieser Basis aufbauen, sollte man sich darüber ein Jahr vor dem Abschluß klar sein und rechtzeitig die notwendigen einhundert Bewerbungen abschicken. Aber auch hier wird man die Erfahrung machen, daß Abiturienten – mangels praktischer Ausbildung – nicht so gerne genommen, werden. Ob es sich trotzdem gelohnt hat, das Abitur zu machen ?

Markus Otte, Thorsten Oeste

aus: Abi-Kalypse, Zeitung des Abiturjahrgangs 1985

Anm.: Des korrekten Zitierens wegen wurde die Rechtschreibung nicht den Regeln der Rechtschreibreform angepasst.

Für die Schule: Willi Robel

Liebe Abiturientinnen, liebe Abiturienten!

Ich spreche zu Ihnen als Mitglied des Kollegiums, aber nicht unbedingt im Namen der Kolleginnen und Kollegen.
Eigentlich kann ich Ihnen nur ein paar einfache, sehr persönliche und vielleicht auch sentimentale Gedanken vortragen, die z. T erst in den letzten Wochen bzw. Monaten durch persönliche Erlebnisse, durch das lesen von Büchern und Zeitschriften entstanden sind, bzw. die im Zusammenhang stehen mit Gesprächen und Informationen aus den Medien. Oft ist es so, daß ganz einfache, sehr banale Details Menschen – in diesem Falle mich – betroffen machen: wenn sozusagen das Leben den Charakter eines kitschigen Films annimmt. Meine Gedanken beziehen sich auch weniger auf Einzelheiten aus dem schulischen Alltag als auf Sie und mich als Menschen dieser Zeit.

Wie kommt man mit einer Generation von Menschen ins Gespräch, die Freiheiten haben, welche or Jahren undenkbar waren? Wir leben immer stärker in einer Gesellschaft mit Getto-Kulturen, die nur begrenzte Kontakte pflegen. Das betrifft auch die Kluft zwischen Jung und Alt.

Für sehr viele meiner Generation war es fast selbstverständlich, daß Arbeit, Einsatz, Leistung sich auf direktem Wege in Sicherheit, Zufriedenheit, Wohlstand umsetzen lassen. Im Zuge steigender Wachstumsraten, beim Entstehen der “Weg-Werf-Gesellschaft” gab es keine größeren Reflexionen; man hatte alle Hände voll zu tun; man war für Leben und Lebenlassen.

Aus der Erinnerung vergangener, schwerer Zeiten erwuchs die Fürsorge, das Bestreben, den Kindern ein warmes Nest, die Chance der Entfaltung und vor allem größtmögliche Sicherheit zu geben. Das waren substantielle Fehler – zum einen, weil das Risiko zum Kern menschlichen Lebens gehört; zum anderen, weil Jugendliche soviel Fürsorge nicht nötig haben und oft ganz einfach nicht vertragen.

Die Entwicklung der letzten Jahre geht von der Euphorie des “Alles ist technisch machbar” über zu der bedrückenden Erkenntnis, daß dem Menschen nur ein sehr beengter Lebensraum zur Verfügung steht, der heute gar nicht vorsichtig genug ökologisch genutzt werden kann.

Wir haben in den letzten Jahren sehr viel von dem verloren, was ich den mitmenschlichen Bezug nennen möchte. Vielleicht waren selten so viele Menschen einsam wie heute, wenn Behinderte in Heime, die Kranken in technisierte Fabriken und die Sterbenden in Badezimmer abgeschoben werden.

In dieser Situation stehe ich Ihnen als Lehrer und Erzieher gegenüber. Was kann ich als Lehrer geben, wo weitgehend die Struktur der Sekundarstufe II nicht dazu angetan ist, größere Kontakte entstehen zu lassen – nicht einmal aggressive Verhaltensweisen kommen auf. In den Grundkursen entwickelt sich höchstens etwas, was ich die “Strickmentalität” nennen möchte: Es ist, als wenn Rudi Carrell seine Show macht; man kann dabei in Ruhe stricken.

Erziehung ist ein Vorgang unter Menschen, bei dem beide Partner im Zusammenleben miteinander reifen. Zwei Jahre Leistungskurs Oberstufe sind im guten Fall schon eine Zeit, in der ein Prozeß dieser Art möglich ist.

Gute Erziehung beutetet, einen Lehrer zu haben, der seine Autorität nicht dauernd betont. Wenn schon Cicero sagt: “Meistens schadet denen, die lernen, die Autorität derer, die lehren”, dann erkennt man die Schwierigkeit des Problems.

Erziehung bedeutet jedoch auch, die Schülerinnen und Schüler zu finden, die immer wieder in kleinen Schritten ihre Selbständigkeit und Freiheit anmelden – jedoch Freiheit in Verantwortung. Wenn Sie schon Angehörige der “Null-Bock-Generation” sind, warum schreiben Sie dann nicht einmal auf den Entschuldigungszettel statt “Übelkeit und Erbrechen” den wahren Sachverhalt “Ich hatte keinen Bock!”? Es würde zwar eine Woge der Empörung auslösen, Ihnen den Zorn des Lehrers zuziehen – aber es wäre eine mutige Tat und träfe den Nagel auf den Kopf.

Sie beschweren sich oft, daß man Ihnen dauernd die Ohren voll rede, als schütte man etwas in einen Trichter, daß es nur Ihre Aufgabe sei, etwas nachzusagen, was man Ihnen vorsagt. Eine Abiturientin spricht in einer Abiturrede davon, daß die Schule ein Saftautomat sei. Sie wären dann also die Saftbecher. Ich suche jedes Jahr Saftbecher, die schon etwas mündig über irgendein Problem sprechen können. Ich bin dann sehr glücklich, welche zu finden, die bei dem Bemühen, sie über einfache Probleme einfach sprechen zu lassen, nicht gleich überlaufen.

Sie stehen vor dem schweren Problem, Fuß zu fassen in dieser Gesellschaft – das (ist) ein hartes Geschäft. Ich möchte hier nicht die vielen Hiobsbotschaften wiederholen, die Sie aus den Medien erfahren. Jugendarbeitslosigkeit von 40% – 50% in südeuropäischen Ländern sprengen fast jede vorstellbare Dimension. Das Wort Zukunftsangst gab es natürlich nicht in dieser Form vor 25 Jahren.

Das Leben läuft nach einfachen Regeln ab. Prof. Hackethal gibt in seinem Buch “Keine Angst vor Krebs” 11 Lebensregeln. Zwei davon lauten: “Arbeite nicht zuviel, faulenze nicht zuwenig” und “Sei hart gegen das Böse”. Überprüfen Sie sich bezüglich der 1. Regel selbst.

Im weiteren Leben werden Sie guten und sehr bösen Menschen begegnen. Gegen die Infamitäten sollten Sie sich rechtzeitig wappnen mit Tapferkeit, Eigensinn und Geduld, damit Sie stark und ruhig überstehen.

Für viele ist das Jahr 1945 ein Jahr der Wende, die Stunde Null. Das Böse jedoch hat eine Kontinuität, die ungebrochen ist. Sie müssen sich zurechtfinden in einer Gesellschaft, die zusehends härter wird, sie wird zu einer ausgeprägten “Ellenbogengesellschaft”. Die Anfänge sind schon in der Schule klar erkennbar.

Hannah Arendt spricht von der Banalität des Bösen. Erwin Leiser, der einen neuen Film mit dem Titel “Die Mitläufer” gedreht hat, hält in einem Artikel diese Formulierung für unglücklich, weil das Böse immer böse sei. “Der Täter kann banal sein, seine Tat ist es nicht.”

Im Dritten Reich war das heute unvorstellbare Böse etwas Selbstverständliches, Alltägliches. Das Problem ist jedoch, dass jede zeit ihre ganz spezifischen Bosheiten entwickelt. Werden Sie nicht zu banalen boshaften Tätern.

Wir haben gerade den 40-sten Jahrestag der Beendigung des II. Weltkrieges hinter uns. Sie haben in Fernsehsendungen und auch durch unmittelbare Berichte von Zeitzeugen Informationen zu den Vorgänge der Jahre 1933-1945 erhalten. Wir vergessen bei all diesen kaum verstandesmäßig erfaßbaren Vorgängen nur zu leicht, daß in einer geschichtlichen Tradition stehen. Zwei “Musterbeispiele” für Umfang und Intensität des grausamen Umgehens von Menschen sind für mich die Vorgänge im 16. Jahrhundert bei der spanischen Landnahme, bei der allein in Mexiko 25 Millionen, in ganz Amerika 70 Millionen, neun Zehntel der Bevölkerung ermordet, in Bergwerken zu Tode geschunden wurden, verhungert sind oder als Opfer des “Mikrobenschocks” starben. Die Spanier waren nicht nur Menschen, die an die sogenannte Vorsehung glaubten, sie waren Christen und kamen – wie sie sagten – als Christen.

Zum anderen als Beispiel der Tod des Wiedertäufers Jan van Leyden im Jahre 1535 vor versammeltem Volk, vor den Repräsentanten der Stadt Münster – Bürgermeister, Rats- und Domherren. Ich zitiere: “Der oberste Scharfrichter greift zu eienr glühenden Zange, tritt auf Jan van Leyden zu und reißt ihm feierlich dreinschauend einen Fleischfetzen aus dem Körper. Blutende Wunden, entsetzlicher Geruch. Jan van Leydens Marter dauert eine Stunde, eine ganze Stunde.” Corvinus vermerkt in seinem Bericht: “Unter großem Beifall und Freude der Priester, an denen Münster immer sehr reich gewesen ist.”

Neu ist in der nationalsozialistischen zeit der bürokratische Perfektionismus. Menschen in aussortierten Viehwagen zu transportieren, dabei diese Viehwagen so voll zu stopfen, daß keiner umfallen konnte; diese Menschen in Viehwagen tagelang zu transportieren ohne Versorgung, sie zu vergasen, ihnen die Haare abzuschneiden, die Goldzähne auszureißen, die Asche auf das Feld zum Düngen zu streuen, und sie dann noch die letzte Fahrt mit der Reichsbahn zum normalen Tarif III. Klasse selbst bezahlen zu lassen, das war nationalsozialistische, makabre Realität.

Dies alles hat zu tun mit der Fähigkeit des Menschen, mit dem Anderen in uns und um uns umzugehen. Gehen wir von der Ungleichheit aus – wir müssen nicht lange nach Beispielen in unserer Zeit suchen -, so wird man unmittelbar auf die eigene Überlegenheit schließen, die wiederum zur Unterdrückung berechtigt.

Geht man von der Gleichheit aus, so darf diese nicht zur Assimilation des anderen führen.

Die Fähigkeit sehr vieler Menschen, in bestimmten Situationen zu banalen boshaften Tätern zu werden, ist eigentlich so schockierend, daß die meisten dieses aus ihrem Bewußtsein verdrängen. Verbrecher wie Heinrich Himmler oder Josef Mengele waren im Prinzip normale Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften. Sie hatten nur eine Eigenschaft nicht: Sie waren nicht menschlich. Sie waren in bestimmten Situationen nicht fähig zum Mitleid mit einer Kreatur der gleichen Art.

Heinrich Himmler, das war der Sohn eines höheren Beamten, aus gebildeter katholischer Familie, von dem die Mutter einmal in einem Gespräch mit der Mutter Heisenbergs sagt (1937): “Der ist so ein netter Bub – immer gratuliert er mir zum Geburtstag und schickt mir Blumen und so.”

Josef Mengele, das war der liebe “Beppo” mit musischen und philosophischen Neigungen, Sohn eines Landmaschinenfabrikanten aus Bayerischen Gefilden. Mengele erwarb zunächst den philosophischen Doktorgrad und wurde 1938 mit dem Thema “Sippenuntersuchungen bei der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte” zum Dr. med. promoviert. Die Ideologie und der Bürokratismus der nationalsozialistischen Zeit schufen ihm ein Experimentierfeld für seine humangenetische Besessenheit.

Für die erwähnten geschichtlichen Vorgänge kann man vielleicht insofern Verständnis aufbringen, als sie mit menschlichen Eigenschaften – Haß, Neid, Habgier, Sadismus – zu tun haben. Was die Vorgänge der Nazizeit so unmenschlich macht, ist die Tatsache, daß auf Grund der Machtbesessenheit und des Karrieredenkens der bürokratische Apparat eine technische Perfektionierung dieser bösen Taten erlaubte.

Der Wille zur Macht und das Karrieredenken sind in unserer Gesellschaft ungebrochen vorhanden. Ansätze sind gar nicht selten bei Schülern festzustellen. Wenn sie verbunden (ist) mit einer gewissen Kälte mitmenschlicher Empfindungen, wird mir unbehaglich bei dem Gedanken, diese demnächst an den Schalthebeln unserer Gesellschaft wiederzufinden.

Sie suchen Vorbilder. Es ist gar nicht so einfach, in unsrer sozialen Gesellschaft viele zu finden.

Sicherlich sind es nicht smarte Regierungssprecher, die in “großer Verantwortung” ihe Aufgabe erfüllt haben.
Sicherlich sind es nicht die 2430 Personen, gegen die in den letzten Jahren ein Ermittlungsverfahren bei der Generalstaatsanwaltschaft Hamm in Westfalen wegen Betrügereien mit Rezepten geführt worden ist. (87 Apotheker, 270 Ärzte, 45 Zahnärzte, 120 Helfer und Angestellte, 10 Krankengymnasten, 1585 Patienten).
Sicherlich ist es nicht ein höherer Polizeibeamter, der im Zuge des “kooperativen Führungssystems” sich nicht traut, seine Dienstaufsicht pflichtgemäß wahrzunehmen. Ich zitiere aus einem Leserbrief: “Jeder Vorgesetzte, der nicht so will (und sich nicht anbiedert), wie die Räte es wollen, wird fertiggemacht.”

Da ist es schon eher ein Steuerfahnder, der das aufdeckt, was man heute die “Flick-Affäre” nennt; der eine Strafversetzung in Kauf nimmt, ja seinen Dienst quittiert, nur weil praktisch alle anderen – in erster Linie die Vorgesetzten – ihn daran hindern wollen, das zu tun, was er laut seinem Amtseid tun muß.
Dann ist (es) sicher das Verhalten einer Frau, die an der Spitze der von ihr selbst geschaffenen Institution erkennen muß, daß sie gerade der Krankheit zum Opfer fällt, die sie mit aller Energie bekämpft hat. Eine Frau, die mit der ihr eigenen Würde erkennt, wie enge Grenzen auch heute noch dem Menschen gesetzt sind.

Sie sollten mündig werden in dieser gesellschaft, sich nicht bevormunden lassen. Es müssen nicht gerade nordafrikanische Diktatoren oder Fundamentalisten sein, die westliche Musikinstrumente verbrennen, damit Menschen nicht kulturell geschädigt werden, oder die verbieten, das Buch „Tausendundeine Nacht“ zu lesen, damit niemand moralsischen Schaden nimmt.

Märchen wie „Rotkäppchen“, Tragödien wie Shakespeares „Romeo und Julia“, die Werke John Steinbecks werden aus den Schulregalen der US-Staaten Texas usw. entfernt wegen der Darstellung „übertriebener Gewalt“, wegen „sexuell eindeutiger Darstellung.“

In einem Rundbrief „Zur Verteidigung der Familien in Texas“ steht folgender Text: „Die von Hitler angeordnete Verbrennung antinationalsozialistischer Bücher hat uns großen Respekt vor Büchern eingeschärft. Die Tatsache, dass ein Buch gedruckt ist, gibt diesem noch nicht das recht, ewig zu bestehen und gelesen zu werden. Gewisse Bücher müssen erhalten werden, andere darf man verbrennen.“

Sie sehen, es gibt viele Methoden der Bevormundung. Eine ganz elementare kann Ihnen widerfahren, wenn Sie sich plötzlich an den Kabeln und Schläuchen der Apparatur eines Krankenhauses wiederfinden.

Die nächsten Jahre werden bei Ihnen allen wahrscheinlich harte Jahre werden – Jahre, in denen Sie versuchen müssen, sich eine Existenz aufzubauen.

Daneben dürfen Sie jedoch nicht vergessen, dass Sie zu sich selbst finden müssen. Das ganze Leben sollte letzthin ein Weg sein, der für alle die Übereinstimmung ihres Lebens mit ihnen selbst bringt.

Hoffentlich erreichen Sie das, was der alte Fontane in der Darstellung seines Vaters diesen als Bekenntnis sprechen lässt: „Denn wie er ganz zuletzt war, so war er eigentlich.“

Den Pastor Lorenzen lässt Fontane im „Stechlin“ sagen: „Sein Leben lag aufgeschlagen da, nichts verbarg sich, weil sich nichts zu verbergen brauchte.“ Und weiter: „Er hatte vielmehr das, was über alles Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten wird: ein Herz.“

Ich wünsche und erhoffe mir von Ihrer Generation, dass sie etwas mehr Redlichkeit, Offenheit und Menschlichkeit in dieses Leben bringt, damit es nicht in absehbarer Zeit unerträglich wird.

Wenn ich es einmal ironisch formuliere: Sie verstehen die „Alten“ nicht, die „Alten“ verstehen die „Null-Bock-Generation“ nicht; trotzdem können wir uns alle verstehen, wenn wir redlich sind und ein Herz haben, wenn wir also ganz einfach zu Mitmenschen menschlich sind.

 

 

Motto:
ABIKALYPSE ’85

 

 

Der Verein “Ehemalige und Förderer des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums Osnabrück e.V.” unterstützt mit viel Geld die Arbeit in Unterricht und Arbeitsgemeinschaften.

 

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