Wiesenthal, Paul

Fächer: Mathematik / Physik / Chemie

Über das Schicksal Wiesenthals erfahren wir in der Festschrift anlässlich des 125-Jahres-Jubiläums unserer Schule aus der Feder von Karin Jabs:

„Über Jahre hin wird es im Schriftverkehr zwischen Schule und Behörde um Auskünfte über das Kollegium gehen. Da wird im rüden Ton angefragt, warum diese oder jene Liste bezüglich des Ariernachweises oder der Mitgliedschaft in Freimaurerlogen oder anderen Vereinigungen bis hin zum Philologenverband noch nicht vollständig vorliege. Wiederholt setzt Wendland (von 1923 bis 1939 Schulleiter; webmaster) sich zur Wehr, rechtfertigt sich, belegt, daß die in Frage stehenden Schriftstücke rechtzeitig abgesandt wurden. Dabei geht es immer wieder um einzelne Schicksale, allen voran das des „jüdischen Mischlings 1. Grades Paul Wiesenthal“, seit dem 1. Oktober 1928 Kollege an der Schule. Diese eben angeführte typische NS-Formulierung findet sich allerdings erst im Januar 1945 in einem Schreiben Dr. Heinzes, des Nachfolgers von Wendland.

Die Nachforschungen der Behörde gerade nach dem Kollegen Wiesenthal häufen sich seit Oktober 1935, im Anschluß an die Nürnberger Gesetze also. Am 17. Oktober 1935 teilt der Schulleiter dem Herrn Oberpräsidenten mit: „Im Nachgange zu meinem vorläufigen Bericht vom 12. Oktober 1935 berichte ich: Studienrat Wiesenthal ist nicht rein arischer Abstammung; er hat zwei volljüdische Großelternteile.“ In einem späteren Schreiben an die Behörde vom 10. Februar 1936 heißt es: „Über die nichtarische Abstammung des Studienrates Wiesenthal hatte ich bereits am 1. September 1933 berichtet“, eine Erklärung, die vermuten läßt, daß Wendland ob seines Zögerns seitens der Behörde gerügt worden ist. …

Es war auch die Zeit, in der der Kollege Wiesenthal von der Gestapo verhaftet und nach zwei Wochen Haft den Teutowerken Osnabrück zum Kriegseinsatz zugewiesen wird, ein Vorgang, der sich genau eine Woche vor dem eben zitierten Schreiben ereignet, nämlich am 1O. Oktober 1944. Inwieweit Schulleiter Heinze zumindest den Abtransport dieses Kollegen verhindert hat, geht aus den Unterlagen leider nicht hervor. Nach mündlichen Berichten hat Heinze (Schulleiter seit 1939; webmaster) seinen Kollegen Wiesenthal gerettet. Dieser leitete Ende 1945 vertretungsweise die Schule. Vielleicht hilft der Blick auf ein persönliches Schreiben der Witwe Wendlands an Dr. Heinze, das umstrittene Bild dieses Mannes etwas zu ergänzen. Es ist wenige Wochen nach Kriegsende verfaßt und nimmt Dank sagend Bezug auf die Teilnahme des Schulleiters an der Beerdigung ihres Mannes, der am 8. Mai 1945 gestorben war. Frau Wendland erwähnt darin, daß noch täglich von alten Schülern, die vom Tode Wendlands noch nichts wissen, liebe Grüße kommen und daraus zu ersehen sei, „wie lieb sie ihn alle gehabt haben, wie segensreich sein Wirken gewesen ist.“ Und weiter heißt es: „Sehr würde ich mich freuen, lieber Herr Direktor, wenn ich Sie bald mal sprechen könnte. Mein Mann hat so oft von Ihnen gesprochen in solch gr. Wertschätzung. Wie gern würde mein Mann mit Ihnen zusammengearbeitet haben oder wenigstens in Ihrer Nähe gelebt haben, um öfter eine Aussprache mit Ihnen zu erlangen. Nun ist alles mit einem Male aus und ich muß in tiefer Dankbarkeit mein Leid still tragen […] Heute bange ich um die Zukunft meiner Kinder und Großkinder, alles liegt so dunkel vor uns. Der eine Schwiegersohn scheint noch im Osten zu sein, der andre ist in Bremen. Und Fr. Wilhelm liegt einsam im Westen, dieser Junge, der uns nur Freude gemacht hat, dieselben guten Charaktereigenschaften wie sein Vater hatte, der mußte sein Leben für dieses Deutschland lassen! – Seien Sie nicht böse, daß ich so viel schrieb. […]“

Der Leser mag aus diesem bewegenden Schreiben die Rückschlüsse ziehen, die er für richtig hält. Es mag jedenfalls ein halbes Jahrhundert später als Zeugnis einer Epoche stehen, die nicht zuletzt von den Frauen Unsägliches gefordert hat.